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Von China lernen: Wo westliche Manager bei der digitalen Transformation umdenken müssen

18.09.2017 China ist nicht nur die größte Volkswirtschaft der Erde. Sie ist auch besser für die Zeiten der digitalen Transformation aufgestellt. Um ihr Unternehmen fit machen zu können, müssen westliche Digitalentscheider die Lehren der chinesischen Philosophie und Geschichte berücksichtigen.

 (Bild: unbekannt)
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TL;DR
Die klassische westliche lineare Logik ist für die Herausforderungen einer digitalen und vernetzten Welt nicht ausreichend.
China ist für die Digitalbranche nicht erst interessant, seitdem der Crossborder-Handel mit China für viele internationale Marken und Hersteller in den Fokus gerückt ist. Denn auch chinesische Anbieter expandieren - ausgehend von dem Heimmarkt der größten Volkswirtschaft der Welt - Schritt für Schritt in außerchinesische, globale Märkte. Seit dem Börsengang von Alibaba im Jahr 2014 wird klar, wie groß die Konkurrenz der Chinesen tatsächlich werden kann. Noch dazu, dass die klassischen westlichen Dickschiffe in der globalen Welt - von Facebook über Amazon bis Google - auf dem chinesischen Markt wenig bis gar nichts zu sagen haben.

Der Erfolg chinesischer Unternehmen liegt jedoch nicht allein in der Größe ihres Heimatmarktes begründet. Dahinter stecken drei chinesische Denkansätze, die seit Jahrtausenden tief in der DNA der chinesischen Nation verankert ist: Neben der Langfristigkeit des Denkens ist es der Daoismus   und der Konfuzianismus  . Dieses gedankliche Framework gehört zum Handwerkszeug eines jeden wirtschaftlichen oder politischen Entscheiders in China - und ist für die dialektische, granulare Welt des 21. Jahrhunderts besser geeignet, als das westliche Mindset der klassischen linearen Logik, die den Taylorismus hervorgebracht hat und das tief verankert ist im abgelaufenen 20. Jahrhundert.

1. Strategie statt Taktik

Das solidarische Prinzip des Konfuzianismus stellt die Gemeinschaft über das Individuum, seine viertausendjährige Geschichte lässt den chinesischen Staat in den Köpfen seiner Menschen als ein langfristiges Projekt erscheinen. Die Ausrichtung der westlichen Gesellschaft auf das Individuum und die bestenfalls in Jahrhunderten, zumeist aber in Jahrzehnten zu rechnenden Lebensalter existierender sozialer Einheiten (sowie die kurzen Legislaturperioden der Demokratien und noch kürzeren Abrechnungszyklen bei Unternehmen) sorgen dafür, dass die Aufmerksamkeitsspanne westlicher Gesellschaften und Individuen kurz ist: Sie umfassen bestenfalls einen Zeitraum von wenigen Jahren. In Jahrzehnten rechnet kein westlicher Unternehmensführer und auch kein Politiker - siehe Migrations-, Einwanderungs- oder Rentendebatte. Es ist im Westen schlicht undenkbar, etwas in Gang zu setzen wie die 'Neue Seidenstraße' der chinesischen Regierung, bei der mit einem 900 Milliarden Dollar schweren Investitionsprogramm im eurasischen Ausland Pipelines und Kraftwerke, Straßen und Eisenbahnen, Häfen und Flughäfen zwischen Asien und Europa gebaut werden sollen: Mittelfristig, um Infrastruktur zu schaffen. Langfristig geht es um Chinas Ruhm und Einfluss - also um Geopolitik.

Gerade in sich immer schneller bewegenden Märkten und Gesellschaften ist ein strategischer Plan wichtig. Die wenigsten westlichen Unternehmen und Staaten haben einen. Weder das politische Adhoc-Gefrickel einer Angela Merkel noch die als "Strategie" bezeichneten Drei-Jahres-Pläne von DAX-Konzernen verdienen diese Bezeichnung. Denn weder Aktionäre noch Wähler stellen die Frage, wie die Welt in dreißig Jahren aussehen soll. Hier haben chinesische Akteure einen - ähem - strategischen Vorteil.

2. Dialektik und das Change-Prinzip

Die Langzeitausrichtung von chinesischer Gesellschaft und chinesischen Unternehmen basiert auf dem daoistischen Prinzip, nach dem die einzige Konstante im Universum die Veränderung ist. Für einen Chinesen verändert sich alles. Was heute schlecht ist, kann morgen ein großer Vorteil sein und der Verlust von gestern ist der Gewinn von morgen. Auf dem Daoismus beruht das Yin/Yang-Prinzip, die Einheit der Widersprüche. Ein Prinzip, das es auch - als Dialektik   in der deutschen Philosophie gibt. Während die westliche lineare Logik nur in Schwarz und Weiß denkt, ist das chinesische oder dialektische Denken besser vorbereitet auf schnelle Veränderungen. Westliches Denken geht davon aus, dass - wenn A richtig ist und B das Gegenteil von A - B in jedem Fall falsch ist. Chinesisches dialektisches Denken kann zu der Überzeugung kommen, dass sowohl A als auch B richtig sein können - undenkbar in westlichen Denkschulen. Ein chinesischer Entscheider kann jedoch zur Überzeugung kommen, dass A und B eingebettet sein können in etwas Größerem - und zusammen etwas Neues - C - bilden. (Wer es gerne mathematisch haben will: Wenn A=+2 und als Gegenteil B=-2, dann wäre das neue C=√4 - bei dem ja sowohl +2 als auch -2 als Lösung richtig ist.)

Das beste Beispiel dieses Gedankenansatzes stammt aus der chinesischen Sprache, in der das Wort 'Krise' die Kombination der Zeichen für 'Gefahr' und 'Chance' ist. Der dialektische Yin-Yang-Ansatz im Chinesischen ist also ein besseres Werkzeug für die Bewältigung von Change-Prozessen in Staat und Unternehmen, weil er schneller Veränderungen bewältigen und Neues schaffen kann.

3. Der holistische Netzwerkansatz

Der dritte Aspekt im chinesischen Denken ist der holistische Ansatz. Auch dieser hilft, sich in sich granularisierenden Märkten, in sich vernetzenden Gesellschaften zurechtzufinden. Während man sich im Westen auf Dinge konzentriert, konzentriert man sich in der chinesischen Gedankenwelt auf die Relationen zwischen den Dingen. In der westlichen Tradition denkt man analytisch, linear und individualistisch: Um herauszufinden, wie das Ganze funktioniert, schaut man sich die Funktion der Teile an. Der chinesische Weg funktioniert genau anders herum: Hier denkt man holistisch. Die Einzelteile werden nicht separat betrachtet, sondern als Ganzes. Denn das Ganze - so der Ansatz - besteht nicht aus den Teilen, sondern aus der Interaktion der Teile miteinander. Auch hier funktioniert die chinesische vernetzte Betrachtung in einer sich immer stärker vernetzenden Gesellschaft effektiver als die in Teilen verhaftete westliche Denkschule.

In einer globalisierten digitalen Welt werden Entscheider nur dann erfolgreich sein, wenn sie in der Lage sind, aus allen Quellen zu lernen und sich nicht auf das Gelernte zu verlassen. Oder, wie Konfuzius sagt: "Wirkliches Wissen ist, das Ausmaß der eigenen Unwissenheit zu erkennen."
Thema: Von China lernen: Wo westliche Manager bei der digitalen Transformation umdenken müssen

Kommentar von Joachim Graf

SCRUMdoktern hilft nicht

Wer nicht weiss, wo er hin will, kommt da an, wo er nicht hin will. Sagt ein altes chinesisches Sprichwort zur digitalen Transformation, dass ich gerade erfunden habe.

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 (Michael Poganiatz)
Bild: Michael Poganiatz
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