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Alles supi. Die Auswirkung des Onlinemarketing-Verantwortlichen auf die Tischpolitur.
29.09.2014 In unserer seit vielen Jahren laufenden Serie "Die Auswirkung des Onlinemarketing-Verantwortlichen auf die Tischpolitur" sprechen wir heute über Content-Marketing, Online-PR und B2B-Kommunikation von Internet-Unternehmen und Agenturen.
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- "Immer schickt Ihr mir böse Briefe
in denen Ihr, dick unterstrichen, schreibt:
'Herr Graf, wo bleibt das Positive?'
Ja weiß der Teufel, wo das bleibt."
Ich weiß, was Sie jetzt denken. Und Sie haben ja auch vollkommen recht: Solche Briefe schreibt mir niemand. Denn (erstens) stammt obiges Klagegedicht von dem unsterblichen Erich Kästner, außerdem (zweitens) schreibt die Internet-Industrie heutzutage keine Briefe mehr. Tatsächlich (drittens) ruft sie an.
Wobei "sie" im Wortsinne gemeint ist. Es ist immer eine Sie, die bei mir anruft, um mir ihre "Verwunderung" mitzuteilen (es muss ein PR-Seminar geben, in dem man PR-Verantwortlichen von Internet-Unternehmen erklärt, dass "Sie blöder dummer Arsch" eine kontraproduktive Formulierung ist, aber "ich muss mich doch schon wundern" auch ganz hübsch ist). Ganz selten ruft der Chef selber an. Aber der droht für gewöhnlich mit dem Anwalt, vor allem wenn er ein "General Manager DACH" ist, der einem "Vice President Europe" "berichtet".
Wie man einen Onlinemarketing-Verantwortlichen über den Tisch zieht
Sie bezieht ihre kommunizierte entrüstete Verwunderung beispielsweise darauf, dass iBusiness seiner Meinung Ausdruck verliehen hat, dass (entgegen der von den einschlägigen Marktteilnehmern kommunizierten Meinung) der E-Commerce nicht morgen nachmittag den Präsenzhandel beim Umsatz überholt, der Affiliate-Markt doch mit vereinzelten Schwierigkeiten zu kämpfen hat, die EBook- und Paid-Content-Geschäftsmodelle deutscher Verlage vielleicht nicht bis ins Letzte durchdacht sind, die Customer Journey als Marketingansatz doch nicht bei allen Unternehmen im Einsatz ist oder das Relaunch-Versprechen doch nicht sämtliche strategischen Probleme mit einer Website löst.Auf meine reflexhaft vorgetragene Standarderwiderung ("Was stimmt denn in unserer Analyse nicht?") folgt für gewöhnlich eine längere Erklärung, die sich in drei Aussagen zusammenfassen lässt:
- Eigentlich ist alles richtig.
- Aber man hätte das alles entweder netter (aka: positiver) formulieren können oder noch besser: gar nicht geschrieben weil
- iBusiness würde allerdings mit seiner Analyse doch nur die potenziellen Kunden verunsichern. Was umso schlechter sei, weil diese doch noch überhaupt nicht eingesehen hätten, wie innovativ/disruptiv/richtungsweisend/renditefördernd besagte Technik sei (und Deutschland doch ohnehin hinterhinke gegenüber (hier das Land des Hauptsitzes des Unternehmens der Anrufer einsetzen).
Für gewöhnlich folgt dann der Hinweis, dass man gerne ein Interview mit dem General Manager DACH vermittle, der dann noch einmal ausführlich die Punkte 1. bis 3. erläutern könne. Zudem gebe es ein brandheißes Whitepaper mit einer Successtory zu besagter Technik, in der eine Testinstallation äußerst gute Zahlen gezeigt hätte. Die man zwar nicht nennen könne, aber immerhin....
Die fünf fatalsten Falschwörter der Interaktivbranche der vergangenen zwei Jahrzehnte | ||
|---|---|---|
| Begriff | Was gemeint war | Was damit nicht gemeint war, aber so verstanden wurde |
| 1. New Economy | Die neu gegründeten Internet-Unternehmen der Jahre 1998 bis 2001 | Eine neue revolutionäre Art des Wirtschaftens, die sich vom herkömmlichen Wirtschaftssystem unterscheidet wie der Kommunismus vom Kapitalismus |
| 2. E-Business | Software und Hardware von IBM für computergestütztes Arbeiten im Büro | a) "Elektrisches Business". b) Interaktive Geschäftsprozesse. c) Internetgetriebene Unternehmen. |
| 3. Digitalisierung | Das Scannen und Erfassen von analogen Dokumenten und Medien | a) Änderung von Geschäftsprozessen, in denen irgendwo ein Computer zum Einsatz kommt b) Wandel hin zu internetgetriebenen Geschäftsprozessen |
| 4. Mobile | Kabellose, tragbare Geräte | a) Beweglicher Deckenschmuck in Kinderzimmern b) Geräte und Anwendungen, die im Freien genutzt werden b) Geräte und Anwendungen, die außerhalb des eigenen Wohnzimmers genutzt werden c) Geräte und Anwendungen von denen man mehr weiß, als dass sie schnurlos betrieben werden |
| 5. Content | Inhalte auf Webseiten | a) Redaktionelle Inhalte b) Aus SEO-Gründen irgendwie zusammengeklöppelter Blindtext |
In einem Internet-Markt, in dem es bei Investitionen nicht um Peanuts, sondern um Hunderttausende oder Milllionen von Euro geht - ECommerce-Software, Website-Relaunchs und CRM-Installationen kosten ja richtig Geld - gehen die Marketingverantwortlichen der Anbieter immer noch davon aus, dass es sich bei den Onlinemarketing-Verantwortlichen auf Kundenseite um Kinder handelt. Oder um ignorante Ewiggestrige. Oder um ignorante, ewiggestrige Kinder.
Auf jeden Fall um Menschen, die man mit Technik-Buzzword-Mist am besten so lange zudeckt, bis sie vollständig im Dunkeln sitzen. Statt offensiv Vorteile und (!) Nachteile von Techniken, Systemen, Lösungen und Strategien zu diskutieren, wird verschwiegen und schöngeredet, wird abgewiegelt und stillgeschwiegen, wird gelobhudelt und gecontentmarketingt.
Acht Beispiele ungeliebter Wahrheiten, die Anbieter nicht so gerne veröffentlicht sehen | |||
|---|---|---|---|
| Die Wahrheit ist... | Was genau passiert? | Prognose | |
75%
| ...der Marketing-EMails bleiben ungeöffnet | Immerhin erholen sich die Klickraten wieder langsam: So zeigen aktuelle Studien eine leichte Trendwende. | Der von um ihn buhlenden Medien umworbene Nutzer dosiert seine Aufmerksamkeit streng ökonomisch. Dosierung, Relevanz und Mehrwert sind wichtige Lead-Marketing-Trends, die bei EMail-Kampagnen eine immer größere Rolle spielen. Auch geräteagnostisches Maildesign gewinnt an Bedeutung. |
66%
| ...der Deutschen ignorieren Handywerbung | Als wenig tröstlich bezeichnen es da die Macher der Studie von Marktforscher Deloitte , dass immerhin zehn Prozent der befragten 2.000 Mobilfunkkunden angeben, auf Werbelinks zu klicken. De facto ist Werbung besonders auf den kleinen Smartphone-Displays ein Störfaktor. | Auch hier sind Mehrwert und Relevanz unerlässlich. Es gilt, Strategien grundsätzlich zu überdenken und intelligente Kampagnen mit Location Based Advertising oder gut getargetem Couponing aufzusetzen. |
97%
| ...der Deutschen haben nichts mit Social Commerce am Hut | Klare Ansage: Kaum einer (drei Prozent) hat schon mal bei Facebook und Co. eingekauft, belegen Umfragen. Damit kommt der wahlweise F-Commerce oder S-Commerce getaufte Wunschhype vieler Berater einfach nicht in Fahrt. | Nur jeder Dritte kann sich vorstellen überhaupt mal Social Commerce zu nutzen. Zeit, sich mit der Wahrheit abzufinden: Nutzer kaufen online, ja - nur halt nicht auf Facebook, oh nein. |
0,6%
| ...ist der Anteil mobiler Einkäufe am E-Commerce | Der Wert ergibt sich, rechnet man schrittweise den wahren Mobil-Commerce-Anteil aus dem E-Commerce heraus. In Euro bedeutet das: 170 Millionen Euro sind maximal als echter Mobile Commerce anzusehen. | Auch künftig wird es keinen M-Commerce in dem Sinne geben, den sich Shopberater wünschen: Nutzer kaufen nicht unterwegs, sie kaufen lediglich von mobilen Geräten aus. Nur weil ein Autogeschäft mobilen Traffic hat, bedeutet das nicht, dass Nutzer sich in der U-Bahn einen Geländewagen zulegen. Sondern: Nutzer kaufen mit Tablet und Smartphone auf der Couch oder maximal im WLAN eines Cafés ein - eine vollkommen andere Situation als unterwegs, die bei Kampagnen-Konzeptionen berücksichtigt werden muss. |
91%
| ...der Handelsumsätze haben nichts mit ECommerce zu tun | Die 40 Milliarden Euro ECommerce-Umsatz in 2014, die der ECC meldet, machen laut Handelsverband Deutschland nur ein Elftel aller Warenwerte aus, die Unternehmen an Kunden geliefert haben (439,7 Milliarden Einzelhandelsumsatz in 2014). | Der E-Commerce wächst in seiner Bedeutung und in den Umsätzen, stationärer Handel wird jedoch weiterhin eine Bedeutung haben - nicht neben dem E-Commerce angesiedelt, sondern als Teil ganzheitlicher Multichannel-Strategien: Bestellung online, Abholung vor Ort etwa. |
52%
| ...der Nutzer eines Coupons kommen nie oder maximal einmal zurück ins Geschäft, hat das ECC-Handel herausgefunden | Die Groupon-Aktie purzelt und purzelt und in Branchenkreisen macht sich eine gewisse Ernüchterung breit: Gießkannen-Couponing-Aktionen haben die Republik in den vergangenen Jahren mit enttäuschten Händlern und der Erkenntnis versorgt: Auch Couponing ist keine Wunderwaffe, sondern schwerer als es zunächst aussieht. | Couponing kann eine mächtige Waffe sein - setzt man sie als Teil ganzheitlicher Kampagnen ein, verbindet sie mit einer Strategie und meistert die wichtigen Herausforderungen des Marketing-Tools Coupon. Die Aktie des Branchenprimus Groupon rangiert mit aktuell 5,20 Euro bei weniger als einem Drittel des ursprünglichen Ausgabekurses. |
50%
| ...der Deutschen besitzen kein Smartphone | Es gibt tatsächlich Menschen, die sowohl Apples iPhone als auch Smartphones generell verschmähen - mit steigendem Alter wird der Anteil der Abstinenten sogar noch höher. | Oftmals scheint die Branche angesichts von Buzzwords wie M-Commerce zu vergessen, dass die Mehrheit der Menschheit noch ohne mobiles Internet und Apps überlebt. Der Siegeszug des Smartphones wird anhalten - von den jüngeren Nutzern ausgehend. Doch auch hier gilt: Der Fortschritt kommt langsamer an, als es Marketeers und Consultants oft promoten; ein Umstand, der bei der Bewertung des mobilen Kanals zu berücksichtigen ist. Immerhin 80 Prozent aller Deutschen besitzen kein Tablet. |
0%
| ...ist der Anteil von Bezahl-Apps an der Top 20 der meistgenutzten Apps in Deutschland - unabhängig ob bezahlt oder kostenlos. | Smartphone- und Tablet-Besitzer verwenden am liebsten Spiele oder die Applikationen sozialer Netzwerke, Nachrichten-, Wetter- oder Taschenrechner-Apps - aber von den Bezahl-Apps schafft es keine einzige in die Top 20. | Die meisten Nutzer in Deutschland ziehen die Real-Life-Anwendung "Bargeld" vor. Und wenn es schon elektronisch sein muss, dann ist die (kontrollierbare) Lastschrift Anwendung der Wahl. M-Payment ist also eher ein Technik-Traum als Realität. |
Mir schmeckt es nicht, wenn Anbieter versuchen, potenzielle (oder noch schlimmer: aktuelle) Kunden über den Tisch zu ziehen. Ich halte es für ebenso arrogant wie für strategisch verheerend, Marketing-Bullshit-Bingo als Vertriebselemente einzusetzen. Auch die Infantil-Basisvermutung für Einkaufsentscheider überwiegend offline aktiver Unternehmen halte ich für falsch: In der Regel haben potenzielle Internet-Kunden gute Gründe, bestimmte Dinge bislang nicht online erledigt zu haben. Infolgedessen halte ich Vogel-Strauß-Marketing für Mist. Großen Mist sogar.
Wir bei iBusiness halten Einkaufsentscheider für so große Jungs und Mädchen, dass sie unangenehme Wahrheiten nicht nur verkraften, sondern im Gegenteil sogar brauchen.
Wir empfehlen Ihnen folglich auch in Zukunft das, was auch Erich Kästner empfohlen hat:
- "Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man Euch zieht
auch noch zu trinken."

