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Der Umfeld-Hype: Wieso ortsbezogene Social-Media-Apps scheitern

06.12.2012 Kontakte im Umfeld entdecken ist die Idee vieler Apps, die auf den Markt drängen. Eine gute Idee mit Pferdefuß: Umfeldbezogene Kontaktsuche funktioniert nur in zwei Szenarien. Ein Blick auf die Denkfehler von Location Based Apps an sich - und wie sie dennoch funktionieren.

 (Bild: Microsoft)
Bild: Microsoft
Menschen kennen lernen, statt vorbeizulaufen: Die Idee hinter sozialen, ortsbasierten Apps (Bild: Microsoft)
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Menschen kennen lernen, statt vorbeizulaufen: Die Idee hinter sozialen, ortsbasierten Apps

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Die Idee ist so charmant. Warum also sollte sie nicht das Next-Big-Thing sein: Fremde zu Freunden machen und damit Geld verdienen, also Social Media auf lokaler Ebene - das muss einfach klappen. Menschen finden, mit denen man, ohne es zu wissen, elementare Gemeinsamkeiten hat.

Soziale Apps mit Umfeldsuche erleben aktuell eine Wiedergeburt. 2012 haben eine ganze Reihe von Anwendungen auf sich aufmerksam gemacht, die Location Based Services (LBS) nutzen, um einander unbekannte Menschen miteinander zu vernetzen, die sich in (unmittelbarer) Nähe zueinander befinden.
  • Vergangene Woche brachte das Startup Twofloats   für Xing   die App Radar   heraus. Die Business-App informiert den Nutzer, wenn sich Kontakte auf zwei Kilometer Distanz annähern.
  • F1eld   ist eine Chat-App, die es erlaubt, so etwas wie ultralokale Netzwerke zu errichten. Also auf einen Ort und einen bestimmten Zeitraum beschränkte Kommunikationen aufzubauen und wieder einzureißen. (Werbetext: "Frag in der Uni nach den Lösungen für Mathe II. Organisiere dich mit den Teilnehmern einer Demo").
  • Interessengesteuert präsentiert sich das Umfeldradar mit dem kopfschmerzverursachenden Logo Highlight  
  • Der Umfeld-Freundefinder Glancee   konnte sich im Mai 2012 sogar erfolgreich von Facebook   kaufen lassen.

Gabriel Yoran (Bild: Xing)
Bild: Xing
Gabriel Yoran

Location Based Chatting, Umfeld-Kontaktsuche, Radar, Nearby Networking - noch hat sich kein Konsens darüber eingestellt, wie man den neuen Service nennt, der doch nur ein Wiedergänger eines alten Hypes ist: Ein interessanter, aber am Ende erfolgloser Versuch war der Dienst Aka-Aki, der beispielsweise in der U-Bahn andere Mitglieder in Reichweite aufspürte. Im Juli 2012 haben die Gründer ihren Social-App-Dienst beerdigt - laut Beurteilung der Blogosphäre vor allem aus dem Grund, weil er seiner Zeit voraus war.

Warum ortsbasierte Kontaktsuche nur zwei Business-Cases besitzt

Doch auch für historisch korrekte Dienste: Das Prinzip der Umfeldsuche nach Kontakten hat einen immanenten Pferdefuß. Ob LBS-Chat-Programme, Apps für Umfeld-Dating oder -Business-Kontakte - sie funktionieren nur unter sehr speziellen Bedingungen - im Grunde geht es eigentlich nur in zwei Fällen. Aka-Aki-Gründer Gabriel F. Yoran, der heute das Unternehmen für Sicherheitssoftware Steganos   leitet, weiß heute: Ortsbezogene Kontaktsuche "ist ein Feature, aber kein Produkt. LBS ist ein Luftballon, der am Boden festgemacht werden muss - als integrierter Teil einer anderen Anwendung, die auch ohne LBS funktioneren würde. Zieht man das Konzept einer App um LBS herum auf, wedelt der Schwanz mit dem Hund."

Oliver Ueberholz

Ähnlich argumentiert auch Oliver Ueberholz , Geschäftsführer des Unternehmens Mixxt  , das für Kunden maßgeschneiderte Online-Communities entwickelt: "Es ist nicht schwierig, eine technische Lösung aufzusetzen, die umfeldbasiert Kontakte findet. Das Problem ist es, eine kritische Masse an Nutzern zu finden und zu halten." Die kritische Masse ist nur ein Argument, das dafür spricht, als Umfeld-Kontaktfinder den Weg von Glancee zu gehen und sich in eine größere Gemeinde integrieren zu lassen - Anwendungsfeld Nummer eins für LBS-Kontaktfinder.

Der zweite gangbare Weg für umfeldbasierte soziale Netze ist die Nische. Umfelder suchen, in denen das ortsbasierte Auffinden von Menschen einen so hohen Nutzwert hat, dass man die vielen Pferdefüße des Prinzips außer acht lässt.

Warum Umfeld-Kontaktsuche nur ein Feature ist - und wann es dennoch funktionieren kann

Es gibt viele Probleme für die Kontaktsuche in der Nähe - neben dem Aufbau einer kritischen Nutzermasse. Sie werden auch in Zukunft Anwendungen das Leben schwer machen:
  1. Zersplitterung des Mobile-Marktes verhindert Standards:
    Wer eine App auf den Markt bringen will, muss bei LBS-Kontaktfindern besonders viele Hürden eines granularen Marktes meistern. Um viele Nutzer zu erreichen, muss ein Entwickler mehrere Mobil-Betriebssysteme bedienen, die zum Teil große Meister im Aussperren von Konkurrenten sind (Apple   etwa). Zugleich gibt es einen Pluralismus von Telekommunikationsanbietern, die am allerwenigsten auf Dienste anspringen, die dem Nutzer das Kommunizieren außerhalb des eigenen Ökosystems erlauben (man denke daran, wie einzelne Anbieter versuchten, OTT-Dienste auszusperren oder durch Zusatzkosten zu behindern). Und obendrauf kommen die potentiellen Konflikte mit den Hardwareherstellern.
  2. Rechtliches:
    Deutschland ist ein Datenschutzland. Wo Nutzer besorgter sind als anderswo, dass ihre ortsbezogenen Daten missbraucht werden, ist kein guter Nährboden für innovative LBS-Geschäftsmodelle. Zur Angst vor Werbung gesellt sich die berechtigte Furcht vor dem Zugriff der Behörden. So sahen sich die Aka-Aki-Betreiber einmal dem Zangengriff der Obrigkeit ausgesetzt, als gleichzeitig eine Staatsanwaltschaft (wollte Bewegungsdaten eines mutmaßlichen Verbrechers haben) und Bundesdatenschutzbeauftragter (wollte Datenherausgabe an Staatsanwalt verhindern) der Firma mit Sanktionen drohten.
  3. Geld:
    In den USA verteilen Venture-Kapital-Geber Geld für Ideen nach dem Motto: "Eine wird schon dabei sein, die funktioniert". In Deutschland kommen innovative Startups schwieriger an Geld. Besonders wenn sie am nächsten Problem kranken:
  4. Kein funktionierendes Geschäftsmodell:
    Wie soll die Monetarisierung stattfinden? Diese Frage ist für Apps, die einzig und allein um die ortsbasierten Services kreisen, noch nicht gelöst. Knackpunkt: In-App-Advertising bringt wegen der geringen Nutzermassen nicht mal genug ein, um die Marketingkosten zu decken. Couponing ist ein Hype, der in den vergangenen Jahren versucht hat, an den LBS-Hype anzudocken - und nun eine für die Anbieter teilweise schmerzhafte Erdung durchmacht.
  5. Zielgruppe:
    Umfeldbasierte Kontaktanbahnung funktioniert nur für Smartphone-Besitzer, die keine Angst haben, sich von Fremden auffinden zu lasssen - am besten mit einem Profil, das ein Bild besitzt. Damit bleiben zwangsläufig fast nur Männer übrig. Und somit führt ortsbezogenes Kontaktsuchen zwangsläufig ins Gay-Dating. Das einzig wirklich erfolgreiche Modell für diesen Service zur Zeit

Unter welchen Vorzeichen ortsbezogene Kontaktsuche funktionieren kann

Trotz dieser Probleme ist das Umfeldsuchen nach Kontakten ein spannendes Feature - wenn man es richtig anwendet, lassen sich die Erfolgsaussichten steigern. Jedoch bleiben die Grundprobleme:
  1. Massenmarkt-Eroberung geht nur mit einem starken Partner, in dessen App der ortsbasierte Service aufgeht und der auch ohne LBS funktioniert.
  2. Jenseits davon verspricht nur der Weg in die hochmotivierte, hochengagierte, große und zahlungskräftige Nische Erfolg. Schwule sind alles vier, deswegen funktioniert eine Gay-Dating-App, aber keine Lesben-App und auch keine Stino-Dating-App.

Nischenstrategien oder Anwendungsfelder, in denen eine Integration von umfeldbezogener Kontaktsuche sinnvoll ist, gibt es eine Handvoll:
  • Augmented-Reality-Gaming:
    Man findet Mitspieler und Gegner in der Nähe, liefert sich spontan Kämpfe oder tauscht Badges aus.
  • Weitere Nischen erobern:
    Die Frage lautet, wo noch LBS-affine Nischen existieren. Mögliche Felder wären Kontaktfinder für Menschen auf Reisen (Verabredung für das Gespräch an der Hotelbar oder Landsleute im Ausland), Expertensuche ("Ich brauche jemanden, der mir einen Herd reparieren kann. Beherrscht es am Ende gar mein Nachbar?")
  • Partnersuche:
    Wer außer Facebook oder Xing hat eine Zielgruppe und Nutzermasse, mit der sich arbeiten ließe. Ein möglicher Kandidat für eine Partnerschaft ist aktuell etwa Foursquare  . Wer mittels des Eincheck-Dienstes einen Ort aufsucht, könnte automatisch angezeigt bekommen, wer außer ihm noch da ist.

Vor diesem Hintergrund bieten sich vier Szenarien für die Zukunft der Umfeld-Kontaktsuche an:

Vier Szenarien für die Zukunft der umfeldbasierten Kontaktsuche

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
10%
Best-Case-Szenario

Die Ökonomie der Umfeld-Apps

Von Dating-Anwendungen, über den Small-Talk-Finder für die Hotelbar und das Location Based Chatting bis hin zum Business-Kontaktfinder - Applikationen, die Kontakte im Umfeld finden, erobern den Massenmarkt. Dabei finden die Anbieter Wege, ihre Produkte sowohl rechtssicher zu machen (Datenschutz), als auch Geschäftsmodelle zu entwickeln: Ortsbezogenes Advertising und Couponing, Freemium-Modelle und Paid Services sind funktionierende Wege, die Umkreis-Apps zu finanzieren. Das teure Marketing wird über Medienkooperationen gelöst: So geben Start-ups beispielsweise Anteile oder Umsätze an Fernsehsender ab, die dies mit Medienpräsenz vergelten.

Aktiv
40%
Worst-Case-Szenario

Feature oder Nische (oder Untergang)

Es gibt genau zwei Erfolgsmodelle für umfeldbasierte Kontaktfinder: 1.) Als integriertes Feature. Und zwar einer anderen Anwendung mit eigenem Mehrwert. Entscheidend ist dabei, dass die Kontaktsuche im Umfeld ein netter Bonus ist, die App aber auch OHNE funktionieren würde. 2.) Die Nische. Umfeldsuche ist ein eigenständiges Produkt, wenn man thematisch schmal ist: Gay-Dating ist ein bereits etablierter Fall für eine erfolgreiche Anwendung. Mögliche Modelle wären sonst eventuell noch: Augmented-Reality-Gaming oder ultralokale Apps für zeitlich und örtlich eingeschränkte Events. Doch es bleibt ein kleiner Markt, egal ob außerhalb oder innerhalb bestehender Lösungen.

Passiv
20 %
Best-Case-Szenario

Die glorreichen Wenigen

Es gibt einen Markt für umfeldbezogene Kontaktfinder - doch das Werbevolumen reicht nur für einige große Player aus. Der Markt konzentriert sich relativ schnell auf eine Handvoll Player, die in verschiedenen Unter-Segmenten des Marktes ihre Claims abstecken: es gibt den einen großen LBS-Datingservice, die eine große Business- und die große Chat-Anwendung für Reisende. Jenseits davon gehen die Start-ups mangels Finanzierung und funktionierender Geschäftsmodelle ein.

Passiv
30%
Worst-Case-Szenario

Idee ohne Geschäftsmodell und Markt

Umfeldnetzwerken ist eine sympathsiche Idee, jedoch ohne ein reales Szenario für die Monetarisierung: Es ist an sich ein verfehltes Konzept, auch die Integration in bestehende Netzwerke mit kritischer Masse hilft da nichts: Weder als Produkt noch als Feature funktioniert umfeldbezogenes Kontaktsuchen.

Thema: Der Umfeld-Hype: Wieso ortsbezogene Social-Media-Apps scheitern

Kommentar von Sebastian Halm

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Lässt sich ein Geschäftsmodell durch ein Pappschild ersetzen, ist es vielleicht kein gutes Geschäftsmodell.

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