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Der Relevanz-Irrtum: Wann wir Onlinemarketing akzeptieren. Und wann garantiert nicht.
29.07.2015 Werber glauben: Wearables wie Smartwatches und das Internet der Dinge revolutionieren die Werbung, Hauptsache, die Botschaften sind relevant. Ein Irrtum. Vielmehr zeigen neue Endgeräte die Grenzen der Relevanz auf - und damit des Onlinemarketings als Gattung.
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Und vor allem wolle er Werbung. Hauptsache, sie sei relevant. In der Diskussion darüber, wie man den Nutzer am effektivsten in intimen Kommunikationszusammenhängen belästigt, ist Relevanz ironischerweise zur irrelevanten Worthülse geworden. Die iBusiness-Analyse zeigt, wieso Marken es immer schwerer haben werden, auf das Relevanz-Radar des Nutzers zu kommen.
Die Apple Watch hat in der Tat die Werbung revolutioniert: Früher fluteten Vermarkter Endgeräte erst dann mit Werbung, wenn die Endgeräte wirklich im Handel waren. Bei der Apple Watch dagegen priesen Vermarkter schon neue Ad-Formate an, bevor man das Endgerät, das sie zeigen soll, überhaupt kaufen konnte. Doch damit nicht genug - die Watch soll auch gleich andere Werbeformen revolutionieren oder vernichten. Die Schlussfolgerungen für die Werbebranche reichen von Panik bis Goldgräberstimmung.
- Die Apple Watch macht im EMail-Marketing kurze Nachrichten und Texte wieder relevant, prognostiziert Artegic - die erfolgreiche Werbe-Mail wird quasi wieder mehr wie die totgesagte SMS.
- Hat jemand SMS-Marketing gesagt? Das bietet natürlich auch enormes Potenzial auf der Watch. Hauptsache man schießt noch vor der Konkurrenz mit relevanten SMS um sich, befindet der Mobile-Marketing-Blog Mobit . Marken sollen also gefälligst Agentur-Leistung und Inventar kaufen, ehe sie den First-Mover-Bonus verlieren (und natürlich bevor es verlässliche Erfahrungen gibt, die zeigen, dass man das Werbeformat vielleicht gar nicht braucht).
- IP Deutschland bietet Unterbrecherwerbung für Apple-Watch-Apps an. Der Nutzer, der gerade Nachrichten in der App von NTV liest, will demnach also Infos zu BMW haben (wie das Beispiel auf Adzine.de illustriert).
- Und nicht nur für die Online-Marketing Rockstars , sondern auch für viele Marketer dürfte es ein 'naheliegendes Szenario' sein, auf der Apple Watch das zu betreiben, was schon auf dem Smartphone nicht funktioniert hat: Location Based Advertising mit Pushnachrichten.
- So träumt die Agentur Digitaland.tv von Kunden, die mit Datenbrillen QR-Codes auf Plakaten scannen, um personalisierte Werbung abzurufen.
- Salesforce.com träumt von einer 100-prozentigen Klickrate, die Werbung im IoT gleichermaßen fordern wie fördern wird (100 Prozent Relevanz sind nötig, aber durchaus zu erreichen).
- Laut Brandwatch.com wird sich die Nachfrage nach Produkten erhöhen, die im Internet der Dinge beworben werden, weil die Werbung dort so großartig und mehrwertig ist, dass der Nutzer Dankbarkeit empfindet ob der tollen Erfahrung (etwa so: Bier alle - Kühlschrank zeigt Bierwerbung - Nutzer ist so dankbar, dass er nur noch bei beworbener Biermarke kauft).
- Und Dimensionen des Größenwahns erreicht die Prognose von Werbeagentur Penna Powers : Nach der sind nicht Anwendungen, Komfort oder Usability die maßgeblichen Treiber hinter dem Wachstum von Wearables - nein, Werbung wird es sein. Denn nichts wünscht sich der Nutzer nämlich mehr als eine Datenbrille, die er vor allem kauft, um mit ihr endlich alle Etiketten im chinesischen Supermarkt lesen zu können.
Je größer die physische Entfernung eines Mediums zum Nutzer ist, desto mehr Botschaften akzeptiert dieser und desto geringer sind die Anforderungen an die Relevanz der Botschaft, desto weniger stört sie und desto ungezielter kann die Botschaft sein. Das Relevanz-Radar offenbart bei näherem Blick eine Reihe von Charakteristiken der Werbung in verschiedenen Medien und auf unterschiedlichen Endgeräten.
- Distanz läuft antiproportional zur Relevanz: Plakate und Digital Signage etwa können de facto jede Werbebotschaft absetzen, ohne explizit als störend empfunden zu werden - der Nutzer ignoriert und blendet sie aus, will er die dargestellte Botschaft nicht empfangen. Die größtmögliche Akzeptanz von Werbung ergibt sich aus der Distanz des Mediums und der Option, sie zu ignorieren.
- Je älter, desto marketing-kompatibler - Kulturtechnik Werbung: Im Fernsehen wird Werbung schon als störender empfunden, aber auch hier ist der Störfaktor noch gering. Denn die Existenz von Werbung im TV ist über Jahrzehnte hinweg kulturell erlernt und damit akzeptiert. Im Gegenzug bedeutet das: Je neuer ein Medium ist, desto weniger will der Nutzer von Werbung wissen.
- Je weniger Display, desto 'Lass mich in Ruhe': Scheinbar banal, aber bezwingend klar, sieht man auf das Relevanz-Radar: Vom Plakat über TV und Monitor bis zu Handy und Wearables wie der Watch schrumpft zu den inneren Ringen hin die Größe des Displays, bis es im Internet der Dinge und den Bio Enhancements (wie etwa ins Ohr implantierten Kopfhörern) ganz verschwindet. Je kleiner der Bildschirm, desto weniger will der Nutzer also Werbung - die Zukunfts-Prognose für (mini)bildschirmfüllende Werbeformate auf der Apple Watch, wie sie viele deutsche Vermarkter bereits anbieten, ist also desaströs.
- Mit der Nutzer-Autonomie schwindet die Werbeakzeptanz: Die Medien mit der geringsten Werbe-Akzeptanz in den inneren Ringen des Relevanz-Radars weisen auch die geringste Nutzer-Autonomie auf: Sie haben ihre Besitzer am stärksten unter Kontrolle, er kann sich ihnen am wenigsten entziehen. Deshalb wird ein Werbeplakat einfach links liegen gelassen, deswegen nervt Werbung auf dem Alltagsassistenten Handy mehr als auf dem Desktop und deswegen würde ein neurologisches Interstitial auf dem Brain Computer Interface jeden Nutzer zur Weißglut treiben.
Vier Szenarien für die künftige Bedeutung von Relevanz im Marketing
Einfallstor Relevanz
Werbetreibende erhöhen die Relevanz ihrer Botschaften unter massiver Verwendung von Big Data und Targeting. Auf diese Weise gelingt es einem Kreis von Marken auf nahezu jedes Gerät vorzudringen und Nutzer weiterhin anzusprechen.
Sinkende Empfangsbereitschaft
Einige Marken, die erfolgreich die Relevanz-Klaviatur spielen, schaffen es auf neuen Endgeräten - wie Watches oder IoT-Geräten - präsent zu sein. Doch nicht alle Marken kommen durch und auch nicht auf alle Geräte - die Zahl der Empfangsgeräte für Marketing-Botschaften sinkt.
Kulturtechnik Advertising
Im Grunde müssen die Marken nichts tun - die alten Wahrheiten, wie mit Coupons um sich zu schmeißen, ein wenig Relevanz, dazu noch Penetranz und etwas Targeting - etablieren sich mit der Zeit auch auf neuen Medien/Endgeräten als Erfolgsrezept: Der Nutzer muss sich nur an Werbung am Handgelenk gewöhnen.
Hermetische Ökosysteme
Eine immer größere Zahl von Endgeräten ist für Marketing unerreichbar, weil der Nutzer es ausblendet. Marken haben nicht die Macht, Relevanz zu erzeugen, die das ändert: Werbung wandert immer mehr in Agenten-Zusammenhänge - geschlossene M2M-Ökosysteme, die große Internetfirmen kontrollieren (siehe iBusiness-Analyse über Agenten- und IoT-Advertising)
