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Die Henne, das Ei und die NFC: Drei Szenarien für die Zukunft von M-Payment

03.09.2012 Das Zukunftsthema Near-Field-Communication (NFC) dreht nach wie vor seine Warteschleifen, mehr und mehr zerrieben zwischen hohem Anspruch und enttäuschender Realität. Drei Szenarien über die Zukunft der Near-Field-Communication.

 (Bild: Berwis Pixelio.de)
Bild: Berwis PIXELIO.de
NFC steht vor dem dritten Henne-Ei-Problem (Bild: Berwis Pixelio.de)
Bild: Berwis PIXELIO.de
NFC steht vor dem dritten Henne-Ei-Problem
Die meisten technologischen Innovationen durchlaufen einen Hype Cycle: Zu Beginn wird jede neue Technologie übertrieben positiv bewertet, anschließend folgt die Ernüchterung über das tatsächliche Potenzial, bevor irgendwann (wenn überhaupt) ein belastbares Produktivitätsniveau erreicht werden kann. Anfang August 2012 erschien der Hype Cycle for Emerging Technologies   bei dem Gartner NFC auf dem direkten Weg ins
'Tal der enttäuschten Erwartungen' positioniert hat.

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Gründe für das ausbleibende NFC-Coming-Out

Selbst wenn es sich hierbei um ein zeitlich begrenztes Stadium handelt, fühlen sich viele Marktteilnehmer in ihrer Suche nach Gründen bestätigt, weshalb NFC noch immer nicht, wie bereits vor Jahren angekündigt, im täglichen Einsatz und Gebrauch angekommen ist. Ein Grund hierfür sind die langen, fragmentierten Wertschöpfungsketten im NFC-Ökosystem sowie die vielschichtigen Erlösnetzwerke komplexer Dienstleistungen eines marktkonformen Mobile Payments. Manche Stimmen prophezeien NFC daher den baldigen Untergang, sofern auch nur ein einziger Marktteilnehmer einen NFC-Trial ohne nächstgrößeres Folgeprojekt beendet.

Doch es existiert noch ein anderer, gewichtiger Grund für das aktuelle Durcheinander um die Konstitution von NFC. Gemeint ist die Anspruchshaltung von Teilöffentlichkeiten, erzeugt durch eine bisweilen schlechte und völlig unkoordinierte Kommunikation der beteiligten Unternehmen in der Vergangenheit.

NFC im Jahr 2006 als potenziell eierlegende Wollmilchsau zu präsentieren, um die Misserfolge der New Economy vergessen zu machen, war für das Image dieser Technologie zweifelsohne von Nachteil. Zur Erinnerung: Das erste iPhone erschien im Sommer 2007, Googles Betriebssystem Android im Herbst 2008. Smartphones aus der Pre-App-Zeit würden heutzutage nicht einmal den Ansprüchen an ein Feature Phone, geschweige denn an ein sicheres, bequemes Mobile Payment genügen. Wo also steht das NFC-Ökosystem im Jahr 2012 genau und wohin wird die Reise gehen?

(Grafik: Gartner)


Eines gleich vorweg: NFC ist weit mehr als Mobile Payment - und doch wird es ohne Mobile Payment kein NFC geben. Die Erklärung ist denkbar einfach: Jedes der im Mobile Commerce tätigen Unternehmen muss mit seiner Arbeit Geld verdienen. Der geringen Zahlungsbereitschaft des Endanwenders für mobile Dienstleistungen geschuldet ist die Tatsache, dass Geld im Mobile Commerce oft nur dort verdient werden kann, wo bereits Transaktionen abgewickelt werden.

Stationärer Einzelhandel als entscheidender Faktor im NFC-Ökosystem

Wenngleich die Mobilfunker versuchen, durch ein diversifiziertes Dienstleistungsportfolio auch über das B2B-Geschäft Erlöse zu generieren, ist das Mobile Payment im stationären Einzelhandel eine der ersten, relevanten Größen im NFC-Ökosystem und damit zugleich treibende Kraft für die Vermarktung und Distribution NFC-fähiger Mobiltelefone. So weit, so gut.

Hiermit deutet sich eine weitere Herausforderung für NFC an. Das erste Henne-Ei-Problem war die Frage, wer die Hoheit über das Secure Element auf dem Mobiltelefon besitzt (Mobile Network Operator versus Handset-Hersteller). Das zweite Henne-Ei-Problem adressiert(e) das Spannungsfeld zwischen etablierten Zahlungsverkehrsdienstleistern und neuen Playern wie Google, ISIS & Co. Die nächste Prüfung dürfte jedoch die größte Hürde darstellen: Das Hoffen und Buhlen um die Akzeptanz beim Endanwender.
(Grafik: Mücke Sturm & Company)


Zu wenig Aufklärung und Dialog rund um NFC

Aktuelle Warnhinweise von Datenschützern zeigen, wie wenig hier - auch in der jüngeren Vergangenheit - seitens der Anbieter in Aufklärung und einen frühzeitigen Dialog investiert wurde. Der erfahrene Umgang mit NFC und das Verstehen der Einsatzmöglichkeiten impliziert Konsumkompetenz und will zunächst vermittelt und gelernt sein. Verunsicherung ist keine gute Erinnerung im kollektiven Gedächtnis, um in einer risikoaversen Gesellschaft mit NFC und Mobile Payment zu starten. Doch wie gesagt ist NFC weit mehr als Mobile Payment. Was abseits von Bezahllösungen geschieht und wie die Zukunft von NFC aussehen kann, zeigen folgende drei verschiedenen Szenarien:

  1. Best Case: NFC avanciert zum Alleskönner in der Digitalen Gesellschaft und treibt das Internet der Dinge voran.

  2. Average Case: Zwei bis fünf Jahre warten auf den Durchbruch und der frühe Vogel hat auch mal Pech.

  3. Worst Case: Ein Mix aus etablierten und neuen Technologien macht NFC bereits vor Markteintritt obsolet.



Best-Case-Szenario

Das Internet der Dinge beschreibt ein System, in welchem alle physischen Objekte mit einer eigenen IP-Adresse, einer kleinen Recheneinheit und teilweise Sensoren ausgestattet sind. Diese smarten Objekte können dann untereinander aktiv kommunizieren und zum Beispiel Umgebungsinformationen austauschen. Basistechnologie hierfür ist RFID. Bis es soweit ist, werden noch zehn und mehr Jahre vergehen. Einzelne Konsumgüter werden jedoch schon recht bald mit kostengünstigen, intelligenten RFID-Tags ausgestattet und die einfachste Möglichkeit, dieses Plus an Informationen zu nutzen, ist NFC.

Während einzelne IT-Systeme zunehmend tiefgreifend und umfassend vernetzt sind, stellt der Übergang zum Endanwender bei großflächig verteilten Systemen unter Kosten- und Machbarkeitsaspekten noch immer eine Herausforderung dar. Smartphones jedoch sind gewissermaßen ubiquitär verfügbar und erfüllen zunehmend das Forschungsparadigma Anywhere, Anytime, Anyhow. NFC stellt damit auf einfachste Art und Weise einen Zugang zur digitalen Umwelt dar und hilft dem Endanwender, mehr Informationen kontextrelevant zu nutzen. Schlussendlich ist NFC auch ein Instrument, das dem Bürger im realen Web 2.0 mehr Kontrolle über die ihn umgebenden Produkte und Prozesse vermittelt.

Wahrscheinlichkeit
25 Prozent

Das Average-Case-Szenario
Gartner prognostiziert im eingangs vorgestellten Hype Cycle eine Zeitspanne von zwei bis fünf Jahren, bis NFC auf einem stabilen Produktivitätsumfeld angelangt ist. Diesbezügliche Prognosen sind immer kritisch zu hinterfragen und haben sich in der Vergangenheit, insbesondere in Bezug auf die Verbreitung von NFC, oft als falsch und zu optimistisch herausgestellt. Denn bis die breite Masse der Endanwender den individuellen Mehrwert einer technologischen Innovation erkennt und ihren Einsatz in Alltagsabläufe integriert, benötigt es in der Regel mehr Zeit, als von den Entwicklern veranschlagt.

Dem Lernprozess auf Anwender- wie Anbieterseite geschuldet werden folglich ein paar Jahre vergehen, bis NFC auch bei Personen außerhalb der Digital-Native-IT-und-Gadget-Nerd-Szene Anklang findet. Interessant zu sehen wird sein, wie die am Leistungsprozess beteiligten Unternehmen mit Sicherheits- und Datenschutzaspekten umgehen und wer bereit ist, sich in einem offenen Diskurs den Fragen des Social Web zu stellen. Vielleicht werden einzelne, frühe Promotoren der NFC-Technologie hierbei das Nachsehen haben.

Wahrscheinlichkeit
60 Prozent

Das Worst-Case-Szenario
Als im Jahr 2004 die ersten Anwendungslisten von NFC zusammengestellt wurden, waren Features wie UMTS, Handykamera, GPS-Modul und WLAN-Antenne noch nicht oder nur mit geringer Leistung verbreitet. Das Abscannen von QR-Codes war ebenso wenig üblich wie Location Based Services auf Grundlage von A-GPS oder die Echtzeit-Interpretation von Kameraaufnahmen und parallelem Datenbankabgleich im Rahmen von Augmented Reality.

Mittlerweile ist die Handy-Welt eine andere: Smartphones sind leistungsstarke, hypervernetzte Alleskönner. Auch die mit ihnen genutzten Services sind intelligenter denn je. PayPal   macht es mit seiner Payment-App und QR-Codes auf dem Kassendisplay im Supermarkt vor. Intelligent, weil auch kostspielige Investitionen in eine Kontaktlos-POS-Infrastruktur entfallen. Last but not least muss dank Datenflatrates schon lange niemand mehr auf Downloads von größeren Datenmengen über aktive NFC-Gegenstellen hoffen.

Wahrscheinlichkeit
15 Prozent


Was also bleibt und ist die Essenz von NFC? NFC ist einfach, bequem und intuitiv und dient als ID-Technologie der sicheren Initiierung nachgeschalteter Dienste. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jeder Mensch, der NFC einmal live getestet hat, ist von der Usability beeindruckt.

Akzeptanz wird NFC demzufolge nur dann finden, wenn die Applikation inhaltlich als nützlich wahrgenommen und ihre Bedienung als unkompliziert empfunden wird. Den zweiten Teil dieser Forderung hat NFC bereits als Technologie selbst erfüllt, alles weitere obliegt den Service-Providern.

Spannender Herbst: Die Apple-Gemeinde könnte zum Vorreiter werden

Rollout von NFC in  Europa
Rollout von NFC in Europa (Grafik: NFC insight)
Kurz vor der Sommerpause haben die Mobilfunkanbieter in Kooperation mit verschiedenen Banken und Kreditkartenunternehmen erste NFC-Bezahllösungen für Ende des Jahres angekündigt. Um im Weihnachtsgeschäft eine gewisse Präsenz zu erreichen, werden im Vorfeld gewiss verschiedene Events und Großveranstaltungen als Test- und PR-Plattform genutzt. Die Olympischen Spiele in London mit einer großflächig installierten Kontaktlos-Infrastruktur der Sponsoren Samsung   (deren aktuelles Smartphone 'Galaxy S III' NFC-fähig ist) und Visa   sind hierfür ein Beispiel.

Doch auch abseits des Payment-Sektors werden wir erste Gehversuche einzelner Anbieter sehen. Dabei werden es nicht die Globalplayer aus Fokusbranchen wie Automotive, Health Care oder Logistik sein, die eigene NFC-Lösungen ausrollen. Aller Voraussicht nach sind es kleine Anbieter mit lokalen Anwendungen, die die zunehmende Verfügbarkeit von NFC-Telefonen nutzen, um technologieaffine Kundengruppen zu begeistern.

Bis 2015 steigt die Anzahl der NFC-Smartphones auf 510 Millionen weltweit
Bis 2015 steigt die Anzahl der NFC-Smartphones auf 510 Millionen weltweit (Grafik: Mercator, IDTechEx, Ltd)
Mit einer guten Idee, etwas Social Media Know-how und ein paar kostengünstigen NFC-Tags lassen sich zum Beispiel einfache Couponing- und Loyalty-Programme abbilden. Eine hinreichend große, kritische Masse bleibt diesen Projekten meist verwehrt. Einzelne NFC-Innovationsnetzwerke werden sich jedoch behaupten und vielleicht das nächste deutsche Foursquare schaffen.

Ob nun das iPhone 5 mit NFC ausgestattet ist oder nicht: NFC wird auch ohne Apple seinen Weg finden und zur Erfolgsstory wachsen. Wenn allerdings Apple NFC als neues Interaktionstool in die Ausstattungsliste aufnimmt, werden es uns die Apple-Jünger in Blogs und Medien besonders begeistert erzählen. Und sie werden allen ausführlichst erzählen, wofür NFC zu gebrauchen ist - ob jemand es hören will oder nicht. Weil Apple mit seinen Jüngern so ein missionarischer (und mit der Medienindustrie bestens vernetztes) Biotop ist, wird NFC mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den Iphone-5-Hype beflügelt.



Dr. Marc-Oliver Reeh

iBusiness-Autor Dr. Marc-Oliver Reeh ist Projektleiter des Center for Near Field Communication Management  . Das CNM ist eine unabhängige Technologie- und Management-Beratung mit Sitz in Hannover und das größte NFC-Netzwerk im deutschsprachigen Raum.

Christopher Buschow

Christopher Buschow , M.A. ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK)  und Experte im Bereich neuer Medien.

Thema: Die Henne, das Ei und die NFC: Drei Szenarien für die Zukunft von M-Payment

Kommentar von Markus Howest

Vom Hoffen und Harren

Es sieht zur Zeit eher danach aus, als werde es eine Art NFC-Flickenteppich geben anstatt des erhofften großflächigen Rollout.

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Markus Howest, iBusiness (Edelfedern.de)
Bild: Edelfedern.de
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