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Interaktiv-Trends 2019/2020 (4): Biased Algorithms - Den Rassisten im System töten
14.12.2018 Der unvoreingenommene Algorithmus ist ein Mythos - KI spiegelt den Rassismus und Sexismus seiner Schöpfer, Daten und Programmierer wider, oft ohne dass es Marken wollen. Der Kampf gegen diskriminative KI wird Zukunftsthema.
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- 'Bias by Data' (Voreingenommenheit via Daten)
Die Vorurteile stecken in den Daten. Beispiel: Man speist eine Verbrechensvorhersage-Software aus den Daten von Gefängnisinsassen. Nun fallen aber gerade Ausländer und Menschen anderer Hautfarbe besonders häufig durch die Sozialsysteme, sie finden schwerer Jobs und sie werden vom voreingenommenen Richter eher für die gleiche Straftat hinter Gitter gesteckt, für die ein anderer Bewährung kassiert. Ergo stellen sie einen überproportionalen Anteil an Sträflingen ohne de facto eine überproportionale Neigung zur Kriminalität zu haben. Dennoch wird das auf scheinbar objektiven Daten beruhende Prognoseprogramm genau das sagen, weil es zu Daten gewordene gesellschaftliche Vorurteile abbildet. - 'Bias by Design' (Voreingenommenheit via Verarbeitung)
Selbst perfekte Daten sind keine Garantie gegen Vorurteile. Die Verarbeitung kann sie genauso produzieren. Nehmen wir den Crash Test Dummy. Die Puppen, die bei Laborexperimenten die Insassen von Unfallautos darstellen. Anhand dieser 1 Meter 80 großen, 80 Kilo schweren Puppen gewannen Ingenieure zwar einwandfreie Daten - die aber eben nur auf 1 Meter 80 große, 80 Kilo schwere Fahrer zutrafen. Lange blieb unberücksichtigt, ob nicht anders gebaute Frauen und Kinder bei einem Unfall andere Schutzmechanismen benötigen. - 'Bias by Interaction' (Voreingenommenheit via Interaktion)
Objektive Daten, die neutral verarbeitet werden, können dennoch einen Algorithmus ergeben, der nicht immun ist gegen eine Kontaminierung durch die Nutzer. So erging es Microsofts Chatbot 'Tay', der sich nach längerer Interaktion mit Nutzern im Web nur noch in rassistischen Plattitüden erging.
- Recruiting: Empfehlungsalgorithmen könnten zum Beispiel entscheiden, dass ein Bewerber für eine Stelle ungeeignet ist - und niemand weiß weshalb. Oder die Entscheidung findet aufgrund rassistischer oder sexistischer Kontamination der Datensätze statt. Am Ende bringt sich eine Firma so um die besten Kandidaten, die aus unsinnigen Gründen ausgeschlossen werden. Und mehr noch: Ein nicht-diverses Team wird herangezüchtet, das seinerseits wieder bestehende Vorurteile zementiert (siehe Trend: Team-Diversität als Gegenmittel).
- Marketing: Spreche ich wirklich meine Kunden an - oder die, die ich dafür halte? Disqualifiziert mein Algorithmus vielleicht alle Käufer eines bestimmten Produktes als einkommensschwach? Und damit als unattraktiv für weiteres Up- und Cross-Selling, obwohl das ein in den Daten angelegter Irrtum ist? So etwas geschieht schnell: Sagen die Daten erst einmal 'Wer dieses billige Auto fährt, ist einkommensschwach' und erkennen die Daten gleichzeitig 'Wer dieses Auto fährt, ist meist Ausländer' geht es ruckzuck zu 'Ausländer sind einkommensschwach'. Und so verschwinden ganze Zielgruppen aufgrund unzulässiger Korrelationen.
- Soziales: Algorithmen entscheiden bereits heute ganze Lebenswege mit - in den USA bestimmen Algorithmen mit, welche Gefängnisinsassen Bewährung bekommen und welche nicht, weltweit konsultieren Kreditinstitute algorithmische Hilfestellungen bei der Kreditvergabe und auch in Deutschland testet die Polizei bereits Software, die Verbrechen vorhersagen soll. Und plötzlich sagt die KI 'Frauen gehören an den Herd'. Das war buchstäblich das Urteil einer Software, die Verhältnisse zwischen Wörtern einordnen sollte. Der Algorithmus befand: 'Mann verhält sich zu Frau wie König sich zu Königin' - aber eben auch 'Mann verhält sich zu Programmierer wie Frau zu Hausfrau'.
Trend eins: Team-Diversität
Beim Thema Algorithmen entfaltet das Konzept Vielfalt eine datenwissenschaftliche Schlagkraft: Mitarbeiter mit verschiedenen nationalen, soziologischen und Gender-Merkmalen anzuheuern ist ein effektives Mittel, um zu verhindern, dass Voreingenommenheiten Einzug halten. Ein diverses Team wird eine vollkommen andere Sensibilität gegenüber einem Algorithmus an den Tag legen, der ausländischen, behinderten und armen Kunden keine Kredite bewilligen mag als ein Team aus weißen, gesunden, reichen Managern. Hier lassen sich 'Biases' schon auf Ebene von Empirie und Quellcode verhindern.Trend zwei: Soziale System-Analytiker
Soziale System-Analytiker untersuchen Algorithmen nach rassistischen, geschlechtsbedingten oder sonstigen 'Biases'. Doch sie testen die Formeln nicht nur dahingehend, sondern versuchen auch demografische Verzerrungen im Datenmaterial zu erkennen (etwa so: 'Basiert der Algorithmus auf den Daten zu vieler Nutzer aus urbanen Gegenden, um aussagekräftig für rurale Gegenden zu sein?'). Der Social System Analyst verdient sein Geld buchstäblich dafür, ständig den Blick jenseits des Tellerrandes schweifen zu lassen.Trend drei: Konzeptionelle Entschleunigung
Ist ein Algorithmus einmal voreingenommen, ist es extrem schwierig, diesen Bias zu entfernen: Er ist nicht wie eine Maschine mit einem defekten Zahnrad. Unternehmen sollten also aus Kostengründen ein Interesse haben, das Problem im Vorfeld zu vermeiden. Hilfreich ist es hier, den Entwicklungsprozess zu entschleunigen: Steht man als Unternehmen unter massivem Zeitdruck, wird die Zahl der 'Biases' zwangsläufig zunehmen. Nicht nur wegen Flüchtigkeitsfehlern, sondern weil man zur Zeitersparnis auf modulare Versatzstücke zurückgreifen wird, statt eigene Lösungen zu programmieren - keine Zeit, die Qualität der Bausteine zu hinterfragen und die Ergebnisse anzuzweifeln. Eigene Datensets zu erstellen wird die zeit- und kostenintensive Alternative ohne echte Alternative.Trend vier: Machine Teaching statt Machine Learning
Die lernenden Algorithmen, bekannt vor allem als die Technologien Machine Learning und Deep Learning, bedienen sich an Unmengen von Daten. Aus ihnen lernen sie Muster und Regeln zu erkennen, die ihnen beim Treffen von Entscheidungen als Richtlinien gelten: Gibt man einem Algorithmus, der den Wert von Autos beurteilen soll, die Daten tausend roter Autos auf einem Schrottplatz und tausend blauer auf der Autobahn, dann wird er aus den Daten extrapolieren, dass rote Autos Schrott und blaue Autos schnell sind. Vollkommener Blödsinn - aber erklärbarer Blödsinn. Besser, man lehrte Maschinen Regeln und Kriterien, um gute Autos zu identifizieren: Hersteller, Garantien, verwendete Materialien, Kraftstoffverbrauch, Ersatzteilverschleiß. Machine Teaching ist ein von einigen Experten propagierter Paradigmenwechsel von der lernenden zur angelernten Maschine.Trend fünf: Support 2.0
