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Couchsurfing: Wie ein Non-Profit-Konzept zum Geschäftsmodell für andere wird
02.09.2011 Mit weltweit über drei Millionen Mitgliedern bietet das Gastfreundschaftsnetzwerk Couchsurfing kostenlose Schlafplätze in Privatwohnungen auf dem ganzen Globus. Manche Start-ups ahmen die Grundidee bereits nach - mit Erfolg. Warum das Konzept so attraktiv ist und wieviel Potenzial für die Tourismus-Industrie in ihm steckt.
Anfang 2004 von Casey Fenton , einem Dauerreisenden, gegründet, zählt die Non-Profit-Organisation inzwischen über drei Millionen Mitglieder aus den verschiedensten Ländern der Welt. Von denen stammt ein Großteil aus den USA und Europa (darunter Deutschland und Frankreich an der Spitze) - und es kommen immer mehr Interessierte hinzu. Die eigene Statistik weist einen durchschnittlichen wöchentlichen Zuwachs von deutlich über 20.000 Mitgliedern aus. Das Durchschnittsalter liegt bei 28 Jahren, doch die Statistik führt auch 23.500 Nutzer zwischen 60 und 69 Jahren an.
Kommerzialisierung von Couchsurfing nicht erwünscht
"Ich will die Welt kleiner machen", sagt der Gründer über sein Konzept. Er trifft damit auf eine Nische, die es schon immer gab, und die keine Kommerzialisierung will", argumentiert Holger Lütters von der HTW Berlin . Auch in Pakete wie Expedia will Couchsurfing nicht verfrachtet werden.Nicht einmal das Prinzip Gegenleistung spielt eine Rolle: Möchte jemand eine kostenlose Unterkunft per Couchsurfing in Anspruch nehmen, muss er nicht zwingend auch selbst einen Schlafplatz anbieten. Jeder kann das Angebot so nutzen, wie es ihm am besten gefällt: Entweder selber nur reisen oder nur Gäste einladen oder Unterkunft anbieten und selber nachfragen. "Für solche, die Interesse an dieser Art zu reisen haben, ist es ideal", sagt Lütter. Beispielsweise für Studierende, die durch Europa reisen, und später, wenn sie finanzstärker sind, wieder in die Region oder die Stadt zurückkehren, um dort mehr Geld auszugeben. Eine Investition in die fernere Zukunft mit Couchsurfing als Fundament.
"Spezielle Zielgruppe", "C2C-Geschäft"
Der Deutsche Reiseverband (DRV) hält sich beim Thema Couchsurfing mit Prognosen zurück. Dies betreffe eine sehr "spezielle Zielgruppe" und sei bei den Individualreisen angesiedelt. Von einem Trend, den die Veranstalter aufgreifen können, will der Verband nicht sprechen. Couchsurfing sei eine Art "C2C-Geschäft", sagt Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband.Abschätzige Stimmen auch vom Deutschen Tourismusverband : "Wir beobachten es aber nur am Rande", so die Antwort des Verbandes. Dort sieht man sich außerstande, eine Einschätzung dieser "relativ neuen Übernachtungsform" zu liefern.
Dem Anbieter für Individualreisen nach Afrika, Enchanting-Africa , ist das Konzept des Couchsurfings sogar nur "sehr vage bekannt". Er geht davon aus, dass der eigene Kundenkreis - Reisende, die hochwertige und individuell für sie zusammengestellte Reiseerlebnisse suchen - "Couchsurfing kaum als Alternative in Erwägung ziehen würden", argumentiert Geschäftsführer Florian Keller .
Auch Claudius Pascal Moarefi von Holidaycheck ist sich sicher, dass Couchsurfing "keine Chancen hat, über die Rolle einer alternativen Reiseform mit Minimalanteil hinauszukommen". Er zieht den Vergleich mit Mitfahrgelegenheitsbörsen: "Die haben es nicht geschafft, Bus und Bahnfahren abzulösen, geschweige denn einen erheblichen Marktanteil zu erobern", sagt Moarefi, für den der Erfolg des Couchsurfings dennoch unbestritten ist.
Der Megatrend heißt Collaborative Consumption
Der Hauptzweck von Couchsurfing besteht zumeist im Kennenlernen fremder Kulturen durch den direkten Kontakt mit den Einheimischen. Ein Marktanteil lässt sich schwer beziffern, weil es keine monetäre Bewertung gibt. Und doch ist der "Markt definitiv da", sagt Florian Bauhuber von Tourismuszukunft , der trotz fehlender direkter Zahlen der Wertschöpfung ein klares Potenzial erkennt. "Allein die Nachfrage über das Google-Keywordtool , ergibt 673.000 Suchanfragen zu Couchsurfing", unterstreicht Bauhuber. Allerdings sei bekannt, "dass Suchanfragen auch automatisch zu Kauf und Handlung führen." Hier spiele nicht nur Couchsurfing eine Rolle, so Bauhuber, sondern auch zahlreiche andere Plattformen mit einem gleichen Ansatz. Besagte Plattformen seien mit extrem viel Venture Capital ausgestattet", weiß der Mann vom eTourismus-Institut. Allein die boomende Plattform Airbnb werde auf einen Marktwert von einer Milliarde US-Dollar geschätzt - Größenordnungen wie die von Groupon .Bauhuber sieht in dem neuen Megatrend Collaborative Consumption, also private Dinge miteinander zu teilen, ein neues Geschäftsmodell im Internet, "das durchaus das Potenzial hat, bisherige Modelle abzulösen." Es gebe genügend Akteure, die sich dort tummeln und schwarze Zahlen schreiben, so Bauhuber. So entstanden auf der Basis der Couchsurfing-Idee die drei Plattformen Airbnb , 9flats und Wimdu . Sie vermitteln Unterkünfte unterschiedlichster Art, die andere Personen privat eingestellt haben. Die Palette ist breit: vom Bett über die Couch bis hin zu Zimmern, Wohnungen, Häusern oder ganzen Inseln. Man kann auch selbst aktiv werden und ein Objekt über diese Plattformen vermieten und Gäste aus aller Welt bei sich aufnehmen. Durch die Vernetzung von Vermietern und potenziellen Mietern wird die Brücke zwischen einer Mitwohnzentrale bzw. Buchungsplattform und einem Social Network geschlagen.
Airbnb will Marktführer werden
Den Trend zu Collaborative Consumption bestätigt auch Unterkunftsplattform Airbnb, die allein in den letzten Monaten nach eigenen Angaben den ursprünglichen Benchmark von einer Million gebuchten Übernachtungen verdoppelt hat. Die Airbnb-Website erzielt mittlerweile über 30 Millionen Seitenaufrufe pro Monat. Allein in Deutschland wurden bereits über 60.000 Übernachtungen von Gästen aus der ganzen Welt gebucht. Das Marktpotenzial für die Vermietung von Privatunterkünften sei enorm, bestätigt Gunnar Froh , der Airbnb Country Manager Deutschland. "Wir sehen das bereits an unseren derzeitigen weltweiten Wachstumsraten von 40 Prozent pro Monat." Das Airbnb-Prinzip und der Trend zu Collaborative Consumption seien in den USA mittlerweile zum Mainstream geworden. Dieser Trend werde sich auch in Deutschland durchsetzen. "Das belegen auch unsere Wachstumszahlen in Deutschland, die von Woche zu Woche exponentiell ansteigen. , sagt Froh.
Daher ist die Zielausrichtung des Portals nur folgerichtig: "Die wachsende Nachfrage in den internationalen Märkten wie Deutschland, England, Frankreich und Brasilien zu befriedigen und sich bis Ende des Jahres 2012 als Marktführer auf dem Gebiet der privaten Übernachtungsangebote zu positionieren."
Der Nicht-Tourist als neue Zielgruppe
"Wir fangen im Prinzip da an, wo Couchsurfing aufhört", sagt Katrin van Herck von 9flats , die seit Mai diesen Jahres in diesen "riesigen Markt" eingestiegen und grandios gestartet sind. Zwei Monate nach dem Launch zählte 9flats 20.000 Mitglieder aus 40 Ländern sowie 8.000 private Unterkünfte in 2.000 Städten weltweit. Täglich kommen 500 Mitglieder und 50 Wohnungen hinzu. Das Prinzip Mehrwert greift: Neben der kulturellen Erfahrung bietet 9flats finanzielle Vorteile für beide Seiten: Reisende sparen im Vergleich zum Hotel bares Geld und Vermieter monetarisieren ihre Wohnung. Dahinter steht die Grundüberzeugung, dass der "Nicht-Tourist eine neue Generation Reisender" darstellt.Ermutigt fühlt sich das Start-up durch offizielle Schätzungen, wonach der europäische Übernachtungsmarkt im Jahr 300 Milliarden Euro umsetzt. 344 Millionen Übernachtungen zählte der Deutsche Tourismusverband für Deutschland im Jahr 2010, bei einem Durchschnittspreis von 101 Euro pro Nacht. Gerade in Metropolen und Ferienregionen lassen sich nach Berechnungen von 9flats Ersparnisse von über 50 Prozent erzielen.
Bis Ende 2012 will das Portal 100.000 Übernachtungen vermitteln. "Es sieht so aus, als ließe sich das realisieren", resümiert van Herck die Entwicklung der ersten Monate. Zum Start standen 5.000 Wohnungen in 18 Ländern bereit. Das Spektrum reicht von der Couch für 15 Euro bis zum Luxus-Appartement für 1.200 Euro pro Nacht. Anmelden und Einstellen eines Angebots sind kostenfrei. Für die Vermittlung behält 9flats 15 Prozent Provision.
Für den halben Preis eines Hotelzimmer gibt es eine ganze Wohnung
Als Konkurrenz zu den herkömmlichen Vermittlungsketten sieht sich 9flat allerdings nicht. Als "paralleles Modell" definiert sich das Start-up und richtet sich vorwiegend an Reisende, die nicht im Hotel übernachten wollen, sondern den Kontakt zum Vermieter suchen und "am Leben teilhaben" wollen. "Unsere Zielgruppe ist nicht zwingend die der klassischen Hotels", bekräftigt van Herck. Als eine "gute Alternative" sieht sie die von Couchsurfing geprägte Geschäftsidee, die wohlgemerkt nicht den Markt der professionellen Anbieter von Ferienwohnungen im Visier hat. Es handele sich oft um "Wohnungen mit einer ausgefallenen Qualität", unterstreicht van Herck. Solche, die man sonst nicht kriegen oder bezahlen kann: Besonders komfortabel, in außergewöhnlicher Lage oder an spektakulären Orten.
Und weil die Qualität ein wichtiges Argument ist, prüfen inzwischen weltweit Scouts die Wohnungen und stellen fest, ob die Fotos mit den jeweiligen Objekten übereinstimmen. Eine Qualitätsoffensive, wie van Herck es nennt. Dazu gehört seit neuestem auch ein 24 Stunden-Service, der hilft, Probleme zu klären. Versicherungen und ein Customer Service Check sind zusätzlich auf den Weg gebracht. All das ist Teil der ehrgeizigen Expansionsbestrebungen, die das junge Unternehmen mit aktuell 25 Mitarbeitern auch auf andere europäische Länder ausdehnen will.
Wachsen und zugleich den interkulturellen Austausch fördern
Getreu dem Motto "travel like a local" finden alle, die auch im Urlaub lieber individuell wohnen und Geld sparen möchten, über den Marktplatz von Wimdu eine große Auswahl an vielfältigen Übernachtungsplätzen in der ganzen Welt. Ziel sei es, "Wimdu in zwei Jahren weltweit als erste Adresse für die Vermittlung von Privatunterkünften etabliert zu haben", erzählt Nikola Günther von der Wimdu-Plattform. Stolz seien die Macher von Wimdu, "wenn wir außerdem aktiv zu mehr interkulturellem Austausch und wertvollen Erfahrungen beitragen können".Das Start up sieht sich selbst in einem Wachstumsmarkt, der enormes Potenzial bietet und lebt von der bisherigen "sehr positiven Resonanz." Denn in etwas mehr als vier Monaten auf dem Markt kann Wimdu über 25.000 Unterkünfte in über 100 Ländern zu seinem Angebot zählen. Damit gehört es zu einem der führenden Anbieter in Europa. Möglich sei diese Entwicklung, so der Gründer und CEO Arne Bleckwenn "aufgrund unseres breit aufgestellten, internationalen Teams, welches mittlerweile mehr als 400 Mitarbeiter in 15 Büros weltweit umfasst." Mit Investor Rocket Internet "haben wir zudem einen starken Partner, der uns mit viel Erfahrung zur Seite steht", sagt Bleckwenn, der nach eigener Aussage mit seinem Angebot den "Reisemarkt revolutionieren" will und sich trotz eines anderen Konzepts als die herkömmlichen Hotels als "Mitbewerber auf diesem Markt für Unterkünfte" sieht.
Apropos Konzept: Die Philosophie sei ähnlich wie bei Couchsurfing, so der Geschäftsführer, doch "im Handling unterscheiden wir uns sehr." Bei Wimdu stehen Qualität und Sicherheit im Vordergrund. So könne der Gast bei der Buchung genau nach seinen Wünschen und Vorstellungen eine Wohnung auswählen und erlebe somit keine Überraschungen. Hinzu komme ein Telefonservice sowie ein sicheres Bezahlsystem. "Dieser Rundumservice überzeugt mittlerweile auch schon viele ehemalige Couchsurfer", betont Arne Bleckwenn.
| Vorteile der Buchung über die neuen Couchsurfing-Modelle: |
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Die Reaktionen reichen von gelassen bis verärgert
Weniger überzeugt sind die Hotels und Tourismusverbände. Sie betrachten die Couchsurfing-Varianten als "gewerbliche Konkurrenz", die der Hotelbranche schaden kann. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband spricht gar von einem geschlossenen Markt und bezeichnet das Vorgehen der neuen Mitbewerber als Kannibalismus.Die Vermittlung von Privatunterkünften im Internet sei "nichts Neues", sagt HRS -Geschäftsführer Tobias Ragge . Es gebe bereits seit einigen Jahren verschiedene Anbieter am Markt. Seit jeher gebe es eine spezielle Zielgruppe, vor allem Individualreisende und junge Leute mit kleinem Reisebudget, die gerne in Privatunterkünften übernachten. "Daher erwarten wir keine großen Auswirkungen auf den Hotelmarkt", resümiert Ragge.
Der überwiegende Teil der Reisenden schätzt den Komfort und die Serviceleistungen, die sie in Hotels geboten bekommen, erklärt Ragge als Vertreter des weltweit agierenden Hotelportals für Privat- und Geschäftsreisende mit über 250.000 Hotels aller Kategorien in 180 Ländern und durchschnittlich sechs Millionen Nutzern pro Monat. "Reisende", so Ragge weiter, wollen sich bei der Buchung darauf verlassen können, "dass nichts dazwischenkommt und von einem professionellen Buchungsmanagement profitieren, das Privatpersonen häufig nicht garantieren können." Auch die Anzahl der Menschen, die bereit seien, ihre Wohnung oder ihr Haus einem Fremden zu überlassen, ist begrenzt. "Denn letztendlich ist es auch ein Risiko, wildfremde Menschen in seine Privaträume zu lassen", begründet der HRS-Vertreter weiter. Private Gegenstände könnten beschädigt oder sogar entwendet werden.
"Vielleicht", so spekuliert Florian Bauhuber, "reden die anderen die neuen Modelle klein, weil sie keine andere Lösung und einen anderen Fokus haben". Oder sie haben Pläne in der Schublade und wollen die Konkurrenz in Ruhe wiegen, vermutet Bauhuber weiter über die weitgehende Verharmlosung der immer stärker aufkommenden Couchsurfing-Idee in der Branche.
Kooperation als denkbare Option
Mit Ausnahmen: Für "beachtlich" hält der Holidaycheck-Vertreter Moarefi die neuen Webseiten für Privatvermittlungen. Er kann sich diese Modelle sogar sehr gut auf Plattformen wie Holidaycheck vorstellen: "Als Ergänzung zu alternativen Reisezielen, Vervollständigungen von Trips Individualreisender - die meist in Hotels beginnen und enden - sowie als Ergänzung des Geschäftsmodells eines Reiseportals wie unserem."Über Potenziale des Trends Couchsurfing will Moarefi nicht weiter spekulieren, versichert aber, dass die Entwicklung von Holidaycheck weiterhin mit Interesse verfolgt wird. Im hauseigenen Blog, bei Facebook und in einer redaktionellen Pressemitteilung habe man bereits vor einem Jahr darüber berichtet. "Das Feedback unserer Leser war beachtlich", bestätigt Moarefi.
Bei Individualreiseveranstaltern sieht Florian Bauhuber durchaus Anknüpfungspunkte für Kooperationen. Problematisch könnte allerdings das Thema der Haftung werden, gibt er zu bedenken. Die Frage, wer etwa bei einem Ausfall haftet - da es sich um keine gewerblichen Vermieter handelt - könnte somit zum entscheidenden Haken bei der Integration in bestehende Geschäftsmodelle werden.
So werden die Modelle vorerst ihr jeweiliges Potenzial selbst ausschöpfen. "Airbnb und HRS vermitteln Unterkünfte an Reisende im Internet - das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit", lautet auch die klare Abgrenzung des Community-Marktplatzes. "Unser Ansatz ist ein ganz anderer als bei einer anonymen Vermittlungskette." Auf Airbnb finde der Interessierte daher Privatunterkünfte, die liebevoll und ganz persönlich eingerichtet sind. Die Mehrzahl der Gäste suche nicht unbedingt nach der billigsten Unterkunft. Froh: "Sondern sie suchen vielmehr nach einem Reiseabenteuer: ob Baumhaus, Flugzeug, Schiff oder ein Loft in New York". Und es wäre nicht zum ersten Mal, dass ein Abenteurer auf ein El Dorado stösst. Für die bislang ablehnende Tourismus-Industrie bleibt aber in jedem Fall statt möglicher margenstarken Individualtourismus-Konzepte das margenschwache Massengeschäft.
