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Warum Hacktivismus zur größten Gefahr für Website-Betreiber wird

27.02.2013 Hacker-Tools to go, DDoS-Anleitungen auf Youtube und soziale Netzwerke, in denen man Gleichgesinnte findet - das Internet bietet politisch motivierten Einsteiger-Hackern alles, was sie für einen professionellen Cyberangriff brauchen. Damit wird Hacktivismus zur größten Bedrohung für Webseiten-Betreiber aus dem Internet.

 (Bild: Jan Thau, aboutpixel.de)
Bild: Jan Thau, aboutpixel.de

Hacktivismus ist die neue Form des politischen Aktivismus (Bild: Jan Thau, aboutpixel.de)
Bild: Jan Thau, aboutpixel.de
Hacktivismus ist die neue Form des politischen Aktivismus

Die Robin Hoods des 21. Jahrhunderts leben weder im Wald noch kämpfen sie mit Pfeil und Bogen. Stattdessen sitzen sie in Jugendzimmern, Büros oder Starbucks-Cafés. Von dort aus versuchen sie mit ihrem PC, die Welt besser zu machen. Sie übernehmen immer mehr die Rolle derjenigen, die früher rohe Eier gegen die Mauern der Unternehmenszentrale warfen oder Sitzblockaden veranstalteten. Hacktivismus ist der Bastard von Graswurzelbewegung und Cyberkriminalität. Er ist die größte Gefahr, der Website-Betreiber neben klassischer Kriminalität und Industriespionage ausgeliefert sein werden. Denn beim Hacktivismus verbindet sich jugendlicher Elan und eine große Anzahl von Akteuren mit viel technischem Knowhow:

Dank immer einfacherer Online-Werkzeuge auf der einen und der Verlagerung von Aktivismus ins Internet auf der anderen Seite wird sich Hacktivismus zum Massenphänomen entwickeln. Waren in der Frühzeit des Internets vor allem Staaten und Großkonzerne lukrative Ziele von Cyberangriffen, so können jetzt auch kleine Unternehmen ins Fadenkreuz selbsternannter digitaler Rächer der vermeintlich Schwachen geraten: Ein Shop, der Pelzmäntel verkauft ("Pelze sind böse"), genauso wie ein Abtreibungsarzt ("Abtreibungen sind böse") oder die Website eines Metzgers ("Fleisch essen ist böse") - theoretisch jeder, der früher durch Eierwerfer gefährdet war. Aber nicht nur: Denn durch die Anonymität des Internets sinkt die Hemmschwelle zusätzlich.

Das Wort Hacktivismus selbst gibt es laut dem Sicherheitstechnik-Unternehmen Mcafee   schon seit 1995. Hackergruppen wie der Chaos Computer Club  , der bereits 1981 für ungehinderte Kommunikation eintritt, oder das weltweit agierende anonyme Hackerkollektiv Anonymous haben es geprägt. Anonymous wurde ursprünglich wegen der Aktionen gegen die Sekte Scientology bekannt. Erst Anfang dieses Monats zeigte sich die nur lose organisierte Gruppe für einen Hackerangriff auf die Gema   verantwortlich: Grund war vermutlich der Patentstreit zwischen der Verwertungsgesellschaft und Youtube  .

Während Hacktivismus-Angriffe früher den wenigen Computerexperten vorbehalten waren, braucht man heute nur wenig Knowhow - und die Wut, zum Beispiel auf einen Modehersteller, der mit Kinderarbeit produziert, oder den Pelzproduzenten und Metzger. Und während die Hürde für Hacktivismus sinkt, wird die Zahl der Angriffe weiter steigen. Acht Trends zeigen, warum Hacktivismus zur größten Bedrohung für Unternehmen wird:

1. Hacktivismus im Aufwind - Cybercrime für jedermann

Die Motivation, die hinter Cyber-Attacken auf alle bzw. große Organisationen steckt
Die Motivation, die hinter Cyber-Attacken auf alle bzw. große Organisationen steckt (Grafik: Verizon) Quelle: http://www.verizonenterprise.com/resources/reports/rp_data-breach-investigations-report-2012_en_xg.pdf?__ct_return=1
Mit der Zahl der Cyberangriffe allgemein (Wachstum laut Sicherheitstechnik-Anbieter Imperva   zwischen 2007 und 2011: rund 160 Prozent jährlich) steigt auch die Zahl der politisch motivierten Attacken, bestätigt Margarita Mitroussi, Sprecherin von Panda Security  . Und die Zahl der auf Hacktivismus zurückzuführenden Hacks wird ihrer Einschätzung nach weiter zunehmen: Sie weist auf die vielen prominenten Angriffe hin, die es seit Ende 2012 gegeben hat. Im Dezember veröffentlichte beispielsweise die Gruppe Ghost Shell   1,6 Millionen Login-Daten, die sie bei einem Angriff unter anderem auf ESA, NASA und das Pentagon abgegriffen hatte. Ziel war es, Aufmerksamkeit auf die Informationsfreiheit im Netz zu lenken und Hacktivismus zu bewerben.

Margarita Mitroussi, Panda Security (Bild: Margarita Mitroussi)
Bild: Margarita Mitroussi
Margarita Mitroussi, Panda Security

Steve Durbin, Global Vice President des Sicherheitsverbandes Information Security Forum  , weist auf einen weiteren Aspekt hin: "Weil Hacktivisten sich im Gegensatz zu den meisten anderen Hackern nicht bereichern wollen, weitet sich der Kreis der möglichen Opfer von Hackerangriffen aus, zum Beispiel auf kleine Unternehmen." So galt in einem weiteren Fall   dieses Jahres die Wut des Internet-Kollektivs Anonymous 4.000 Managern von kleinen Banken, deren persönliche Daten es veröffentlicht hat. "Damit sollte bezweckt werden, dass das US-Gesetz gegen Cyberkriminalität reformiert wird", erzählt Margarita Mitroussi.

2011 steckten bereits hinter einem Viertel aller Cyberangriffe auf große Organisationen Unzufriedenheits- oder Protestmotive. So der 2012 Data Breach Investigations Report von Verizon  . Demnach nahmen Hackerangriffe aufgrund von politischen Motiven bereits Platz zwei hinter Attacken aufgrund von finanziellem oder persönlichem Nutzen ein. In Bezug auf die Menge der gewonnenen Daten lag Hacktivismus sogar auf Platz 1, und wird damit zu einer besonders gefährlichen Form der Cyberkriminalität.

Steve Durbin, Information Security Forum (Bild: Steve Durbin, Information Security Forum)
Bild: Steve Durbin, Information Security Forum
Steve Durbin, Information Security Forum

Der wichtigste Grund für den Hacktivismus-Boom: Alle können mitmachen. Zum Beispiel kann sich jeder Anonymus nennen, denn die Gruppe ist nur lose vernetzt und die Mitglieder sind, wie der Name schon sagt, anonym. Hinzu kommt laut Martin Dombrowski, Security Engineer CEE von Imperva, dass Hacken zum Kinderspiel geworden ist: "Während man vor einigen Jahren noch programmieren können musste, gibt es inzwischen zahlreiche Programme, über die man zum Beispiel mit wenigen Klicks Webseiten ausspähen kann." Außerdem sind Erklärvideos zur Benutzung der Tools genauso im Netz verfügbar wie Anleitungen dazu, wie man bei Angriffen anonym bleibt. Ein weiterer Grund für den Boom: Die Hürde ist wesentlich kleiner, einmal zu klicken, um eine DDoS-Kampagne zu befeuern, als sich aufzumachen und ein rohes Ei zu werfen. Weil es immer einfacher wird, Cyberangriffe unbekannt zu starten, sinkt die Hemmschwelle und damit das Eintrittsalter von Hackern.

2. Auch legaler Online-Aktivismus nimmt an Fahrt auf

Martin Dombrowski, Imperva (Bild: Martin Dombrowski, Imperva)
Bild: Martin Dombrowski, Imperva
Martin Dombrowski, Imperva

Zum einen wächst auch legale Online-Aktionismus, zum anderen verschwimmen die Grenzen zwischen legalen und illegalen Aktionen. Das befeuert Hacktivismus-Gruppen. Auf der einen Seite positioniert sich der prominenteste Real-Live-Aktivistenverband, Greenpeace  . Er verstärkte 2007 die Online-Aktivitäten. "Aber wir hacken nicht", sagt der Leiter des Bereichs Presse/Neue Medien, Volker Gaßner. "Wir versuchen, die Möglichkeiten des Internets auf andere, kreative Weise für unsere Aktionen zu nutzen." Ein Beispiel ist eine Kampagne gegen Nestlé   und die Verwendung von Palmöl aus dem Urwald Indonesiens im Schokoriegel Kitkat. Dafür hat Greenpeace ein Video gedreht, das auf den ersten Blick wie ein echter Nestlé-Werbespot   aussieht. Auf den zweiten Blick aber stellt es Nestlé an den Pranger. Viral verteilte es sich im Internet. "Sofort ließ Nestlé das Video sperren. Aber unsere Anhänger haben es heruntergeladen und auf anderen Kanälen weiterverbreitet. Dadurch konnte es nie wirklich aus dem Internet verbannt werden." Die Sperrung des Videos auf Youtube habe sogar noch wesentlich mehr Aufmerksamkeit darauf gezogen.

Nestle ließ dieses virale Video von Greenpeace löschen, doch dadurch stieg die Aufmerksamkeit im Netz noch stärker. (Bild: Greenpeace)
Bild: Greenpeace
Nestle ließ dieses virale Video von Greenpeace löschen, doch dadurch stieg die Aufmerksamkeit im Netz noch stärker.

Volker Gaßner spricht von einer Erweiterung des Aktivismus in die Onlinewelt, statt von einer Verlagerung. "Die Leute begreifen inzwischen, wie sie das Internet für politische Aktivitäten nutzen können. Dann ergänzt das Internet den allgemeinen Protest, zum Beispiel organisiert man sich darüber." Von diesen Vorteilen profitieren legale und illegale Aktivisten.

3. Social Media wird das Tor für Hacker

Mit der zunehmenden Verbreitung von sozialen Netzwerken erweitern sich die Ansatzpunkte für Hacktivisten, darüber Angriffe zu starten. Sie können dort einfach Gleichgesinnte sammeln und organisieren oder die Wut auf einen Gegner anfachen, zum Beispiel einen Shitstorm heraufbeschwören.

Auf der anderen Seite bieten soziale Plattformen Sicherheitslücken, die sowohl klassische Hacks als auch Hacktivismus begünstigen: Denn während die Menschen bei E-Mails mit fremdem Absender vorsichtig geworden sind, werden sie bei sozialen Medien umso nachlässiger, sagt Martin Dombrowski. "Hacktivisten könnten zum Beispiel dem Administrator des Zielunternehmens über Xing eine Anfrage von einem vermeintlichen Headhunter schicken - Mails von Headhuntern öffnet schließlich jeder. Und schon hat sich der Administrator, derjenige mit Zugriff auf das gesamte interne Netz, vielleicht eine Spyware eingefangen."

Volker Gaßner, Greenpeace (Bild: Volker Gaßner, Greenpeace)
Bild: Volker Gaßner, Greenpeace
Volker Gaßner, Greenpeace

Ein ähnliches Problem bringen URL-Verkürzungen wie Bitly-Links mit sich. Durch die Abkürzung sieht der Nutzer die Linkadresse nicht mehr und erkennt zum Beispiel nicht, dass sie auf eine potenzielle gefährliche Seite führt. Auch die Angriffe über Werbeanzeigen auf Facebook nehmen zu: Denn sie lassen sich genau adressieren, zum Beispiel an alle Administratoren aus Deutschland.

4. Hacktivisten werden an Ansehen gewinnen

Weil Protest über das Internet zur Normalität wird und sich immer mehr Menschen in sozialen Netzwerken daran beteiligen, wird die Sympathie für Hacktivisten weiter steigen. Die Studie Internet Tsunamis - Politische Massen im digitalen Zeitalter   von Xailabs und der Europa-Universität Viadrina Frankfurt an der Oder analysiert: "Die teils wohlwollende Rezeption komme zum einen aus dem Robin-Hood-Klischee, der Möglichkeit, dass einzelne Bürger Staaten und Konzerne immerhin kurzzeitig die Stirn bieten können." Deshalb werde Hacktivismus oft "eher als zivile Ungehorsam und damit als legitime Protestform" eingeschätzt.

Auch staatlich werden sie immer mehr angesehen: Zum Beispiel der Chaos Computer Club ist durch seine Kompetenzen inzwischen zur Interessenvertretung für digitale Bürgerrechte geworden. Im vergangenen Jahr wurden gleich mehrere CCC-Experten als Sachverständige in die Digital-Enquetekommission des Bundestags berufen. Und das wird erst der Anfang sein. Denn wenn Hackerangriffe zunehmen, müssen Staaten und Unternehmen aufrüsten und ziehen noch mehr Cyberkriminelle auf ihre Seite. Die logische Schlussfolgerung für den jugendlichen Hackernachwuchs: Hacken ist ja gar nicht so böse. Die Legitimierung durch den Staat wird Nachahmungstäter mobilisieren, die vielleicht sogar hoffen, dass ein erfolgreicher Cyberangriff ihr Karrieresprungbrett werden könnte.

5. Der Markt für Hacker-Dienstleistungen wird professioneller

Jarno Limnell, Stonesoft (Bild: Jarno Limnell, Stonesoft)
Bild: Jarno Limnell, Stonesoft
Jarno Limnell, Stonesoft

Es bildet sich ein professioneller Markt für Hackerdienstleistungen. "Dadurch werden Cyberattacken immer billiger, es ist kein eigenes Knowhow mehr notwendig und den Auftraggeber der Attacke zu identifizieren, wird noch schwieriger", sagt Jarno Limnell, Director of Cyber Security bei Stonesoft  . Jeder politische Aktivist, und hat er noch so wenig Ahnung von Computern und Internet, kann sich seine Hackerdienstleistungen also einkaufen. Ein Beispiel für eine solche Dienstleistung ist Gwapo's Professional DDOS Service   "Die professionelle Online-Mafia ist seit einigen Jahren gut organisiert und ein rapide wachsender Geschäftszweig", erzählt Margarita Mitroussi. Die Onlinestores von Internetkriminellen funktionierten mittlerweile ähnlich wie legale Onlineshops.

6. Fehlende Rechtsprechung wird Angriffe begünstigen

So lang es keine klare, länderübergreifende Rechtsprechung gibt, werden Hacktivisten ihre Aktivitäten weiter ausbauen und jede Gesetzeslücke nutzen. Denn Hacktivismus ist nicht grundsätzlich verboten. In vielen weniger schweren Fällen, zum Beispiel bei DDoS-Angriffen (Distributed Denial of Service), hängt es laut dem Anwalt für IT-Recht Thomas Stadler "stark vom Einzelfall ab", wie sie behandelt werden. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk   formulierte er es vorsichtig: "Ich würde von der Tendenz her glauben, dass man technische DDoS-Attacken mit entsprechender Software vermutlich nicht als legitime Grundrechtsausübung betrachten wird." Der Kommentar der Bundesregierung   auf eine Anfrage der Linksfraktion zu DDoS-Angriffen ist da klarer: "Virtuelle Versammlungen etwa im Internet sind mangels Körperlichkeit im verfassungsrechtlichen Sinne keine Versammlungen". Proteste mit massenhaften E-Mails seien aber legal.

Zur nicht eindeutigen Rechtsprechung kommt, dass Hacker immer neue Formen der Attacken entwickeln werden, während Staaten mit ihren Gesetzen nicht hinterher kommen. Auch wenn zum Beispiel die EU-Polizeiagentur Europol nun das Europäische Zentrum zur Bekämpfung der Cyberkriminalität (EC3) eröffnet hat, werden Hacktivisten der Justiz immer ein Stück weit voraus sein.

7. Hacktivismus wird immer unberechenbarer

Weil politisch motivierte Hackerangriffe ihren Ursprung immer häufiger in sozialen Medien haben werden, sind sie kaum vorhersagbar. Die Hacktivisten formieren sich spontan und die Angriffe wirken, weil sie emotionsgetrieben sind, zum Teil beliebig. Im Verizon-Report heißt es: "Besonders besorgniserregend für viele Organisationen ist, dass die Ziele der Hacktivisten keinen logischen Mustern wie Umsatz oder Art der Informationen folgen." Noch schwieriger wird die Prognose, weil die Gefahr laut Steve Durbin nicht mehr von einer bestimmten Gruppe ausgeht: "Stattdessen geht die Gefahr vom Internet selbst aus, das die Möglichkeit bietet, Gruppen von Gleichgesinnten zu bilden und sich mit allen notwendigen Mitteln für einen Angriff auszustatten." Feinde, deren Verhalten man nicht voraussagen kann, sind noch beängstigender.

8. Hacktivismus wird Kriege entfachen

Sogar Staaten nutzen die Methoden der Hacktivisten mittlerweile, um Druck auf andere Staaten oder Firmen auszuüben. Das kann im schlimmsten Fall zu einem Krieg führen. Unter anderem China steht im Verdacht, Cyberangriffe auf ausländische Ziele zu unterstützen. Zum Beispiel sollen chinesische Hacker bis Januar dieses Jahres über vier Monate Zugang zu Netzwerk, Computern und E-Mails der New York Times   gehabt haben. Der mögliche Grund ist ein Bericht der Zeitung über das Vermögen der Familie von Chinas Premier Wen Jiabao.

Erst vergangene Woche hatte das amerikanische Sicherheitsunternehmen Mandiant   in einem Bericht bekannt gegeben, dass tausende Hacker-Angriffe gegen US-Unternehmen vom Standort einer geheimen Cyber-Einheit der chinesischen Armee in Shanghai gestartet worden seien. Die USA kündigten daraufhin an, Staaten, die als Urheber von Hacker-Attacken auf amerikanische Einrichtungen gelten, künftig mit Handelssanktionen zu bestrafen. Da ist ein Handelskrieg nicht weit.

Inzwischen haben außerdem deutsche Unternehmen wie EADS  , Thyssen Krupp  , Bayer   und IBM   Hackerangriffe, vermutlich aus China, gemeldet.

Unternehmen sind nicht gerüstet

ISC2-Umfrage: Hat ihr Unternehmen genügend IT-Sicherheitsmitarbeiter?
ISC2-Umfrage: Hat ihr Unternehmen genügend IT-Sicherheitsmitarbeiter? (Grafik: Prost&Sullivan/ISC2) Quelle: https://www.isc2cares.org/IndustryResearch/GISWS/
Die immer größere Verbreitung von Social Media wird zum wichtigsten Antriebsmotor für Hacktivismus: Und so kann jeder zum Hacktivisten werden, während auf der anderen Seite jedes noch so kleine Unternehmen, jede Organisation oder Regierung zum potenziellen Angriffsziel wird. Martin Dombrowski geht noch einen Schritt weiter: "Böse Zungen behaupten sogar, dass es nur noch Unternehmen gibt, die gehackt wurden, und solche, die nicht wissen, dass sie gehackt wurden." In der Tat stellte die Global Information Security Workforce Study 2013   vom Fachverband für Informationssicherheit, ISC2, fest, dass Hacktivismus von den Teilnehmern mit 43 Prozent zu den besorgniserregendsten Problemen gezählt wird. Gleichzeitig aber halten 56 Prozent der Befragten ihre Sicherheitsabteilungen für unterbesetzt.

Diese Lücke zwischen Bedrohung und Schutzkapazitäten sollte spätestens 2013 geschlossen werden. Steve Durbin gibt Unternehmen, Agenturen und Website-Betreibern einige Tipps, wie sie sich vor Hacktivismus-Angriffen schützen können:

  • IT- und PR-Abteilungen sollten zusammenarbeiten, um herauszufinden, welche Produkte, Statements und Positionen negative Reaktionen in der Presse, in Blogs und sozialen Netzwerken hervorrufen.
  • Agenturen sollten zum Beispiel Shitstorm-Frühwarnsysteme mit der IT aufsetzen. Auch hilft es, regelmäßig Blogs hinsichtlich negativer Kommentare zu durchforsten. Solche Analysen helfen Unternehmen, immer im Auge zu behalten, ob Gefahren lauern.
  • Wenn die Alarmglocken läuten, weil zu viele negative Statements im Internet registriert wurden, ist wieder die PR-Abteilung gefragt. Sie kann die Wogen mit der richtigen Kommunikation glätten.
  • Gleichzeitig sollte die Agentur die IT-Sicherheit rund um die gefährdeten Bereiche der Webseite ausbauen. Außerdem ist es ratsam, zum Beispiel die Bandbreite zu erhöhen, um möglichen DDoS-Attacken zu entgehen.

Vier Szenerien zur Bedrohung durch Hacktivismus

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
10%
Best-Case-Szenario

Im Griff

Hacktivismus-Angriffe nehmen nicht weiter zu, weil die Aktivisten merken, dass die Medienaufmerksamkeit mit der Masse der Angriffe sinkt. Vereinzelt gibt es Attacken, aber Unternehmen können sich dank ausgeklügelter Sicherheitssysteme wirkungsvoll wehren.

Aktiv
35%
Worst-Case-Szenario

Außer Kontrolle

Hacktivismus wird zum letzten Schrei im Internet. Vor allem unter Jugendlichen wird es zu einer Art Sport, Cyberattacken gegen Unternehmen oder Organisationen zu starten. Auch immer mehr kleine und lokale Unternehmen werden Opfer der Attacken. Tools dafür sowie Erklärvideos findet man überall im Internet. Die Unternehmen und Regierungen bekommen das Problem nicht in den Griff, weil die Attentäter unsichtbar bleiben.

Passiv
5%
Best-Case-Szenario

Im Keim erstickt

Sicherheitstechnik-Anbieter und Unternehmen schaffen es, sich gegen Hacktivismus und andere Cyber-Angriffe zur Wehr zu setzen. Dadurch wird die Form des Protests uninteressant und die meisten Aktivisten konzentrieren sich auf analoge Attacken. Ein weiterer Grund: Die mediale Reichweite dafür ist größer.

Passiv
50%
Worst-Case-Szenario

Die Gefahr wächst

Hacktivisten und Sicherheitstechnik liefern sich ein Wettrüsten. Wenn die Hacker neue Angriffsmethoden entwickeln, ziehen IT-Entwickler mit gewissem Abstand nach. Aber die Hacktivisten bleiben wegen ihrer immer größer werdenden Masse und ihrer Flexibilität im Vorteil und Hacktivismus auf dem Vormarsch. Unter den Unternehmen bildet sich eine große Unsicherheit. Sie versuchen vermehrt, sich selbst mit diplomatischer Kommunikation zu schützen.

Thema: Warum Hacktivismus zur größten Gefahr für Website-Betreiber wird

Kommentar von Verena Gründel

Neue Herausforderung: Hacktivismus-Strategie

Sich allein technisch vor Hacktivismus zu schützen, ist praktisch unmöglich. Aber Unternehmen, die nach außen zeigen, dass sie sozial integer sind, haben gute Chancen, verschont zu bleiben. Also muss eine Anti-Hacktivismus-Strategie her.

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Verena Gründel, iBusiness (privat)
Bild: privat
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