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Der Tipping-Point im E-Commerce ist da
19.03.2019 Das Jahr 2019 wird in die Geschichte der digitalen Wirtschaft eingehen als das Jahr, in dem sich der E-Commerce prinzipiell verändert hat.
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Mit der Dienstleistung der Paketzustellung jedoch lässt sich offenbar immer schwieriger Geld verdienen. Jetzt hat es den ersten Logistikdienstleister erwischt: Bauer Media wird das Geschäft ihres Postdienstleisters Bauer Postal Network (BPN) zur zweiten Jahreshälfte einstellen. Heribert Bertram , Geschäftsleiter Bauer Vertriebs KG und Mitglied des deutschen Publishing-Boards der Bauer Media Group , begründet den Schritt darum auch mit dem Mangel an verfügbaren Zustellkräften: "Ich bedaure sehr, dass wir aufgrund der veränderten Marktbedingungen den Betrieb der Bauer Postal Network nicht nachhaltig sichern können."
Rüdiger Gottschalk , CEO von BPN-Konkurrent Postcon hatte im Versandhausberater-Interview erklärt: "Kunden erwarten vor allem zwei Dinge: eine zuverlässig gute Zustellung bei zugleich günstigen Portopreisen." Dr. Axel Stirl, CEO von Mitwettbewerber PIN Mail AG : "Die Aufgabe des Geschäftsfeldes ist ein klarer Beleg für den extremen Kostendruck, unter dem seriös agierende Unternehmen auf der letzten Meile stehen." Er sieht den Wettbewerb um Arbeitskräfte nicht nur innerhalb der Branche, sondern er habe eine "branchenübergreifende Dimension" angenommen. Er ist sich sicher: "Der Preis der Zustellung wird sich im Verbrauchergewissen verankern oder die Branche geht unter".
BPN könnte ein Einzelfall sein. Aber die Einschläge kommen näher: Otto will Hermes verkaufen. Die Deutsche Post erhöht das Porto und wirft Brief- und Paketservice zusammen. Für Alexander Edenhofer von DHL ist die Entwicklung klar: "Wir gehen davon aus, dass gerade die Paketvolumina in den Ballungsgebieten weiter stark ansteigen werden." Hier arbeite man an Konzepten, "die sowohl die Innenstadt-Logistik flexibler für Empfängerkunden machen, als auch die Zustellung insgesamt umweltfreundlicher gestalten." Denn ein wichtiger Aspekt sei der zunehmende Verkehr und die damit verbundene Schadstoffbelastung.
Zeitungen titeln über "Lohndumping bei Amazon-Subfirmen" . Und das Land Niedersachsen hat unlängst eine Bundesratsinitiative gestartet, um Paketboten vor Ausbeutung zu schützen . Mit der im Haus von Sozialministerin Carola Reimann erarbeiteten Bundesratsinitiative wird die Bundesregierung aufgefordert, umgehend die gesetzlichen Voraussetzungen für eine sogenannte Nachunternehmerhaftung in der Zustellbranche zu schaffen. Mit dieser wird die Zahlung der Sozialversicherungsbeiträge für die Beschäftigten sichergestellt, auch wenn durch die Einbindung verschiedener Subunternehmen unübersichtliche Beauftragungsketten entstehen. Danach wären DHL , Hermes , UPS & Co. in jedem Fall verantwortlich. Noch im März solle sich die Länderkammer mit der Initiative befassen, die die Logistikverbände heftig ablehnen.
Es wäre jetzt wohlfeil, auf die uneinsichtige und regulierungswütige Politik zu schimpfen. Der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude hat sich einmal nach einem Brand in einer brasilianischen Diskothek mit 230 Toten darüber mokiert, dass dieselben Leute, die sich über den fahrlässigen Brandschutz dort auslassen, sich gleichzeitig über die ausufernde Bürokratie und Regelungswut städtischer Bauverordnungen beschweren, die den Gestaltungsspielraum von Diskothekenbesitzern übermäßig einschränken würden.
Tatsächlich macht die Politik hier nur ihren Job, das Problem ausgelöst haben andere: Die Onlinekäufer, die Zalandos "Schrei vor Glück oder schicks zurück" als Digitalversion des 'Geiz ist geil' verinnerlicht haben und keine Versandkosten akzeptieren. Die (großen) Onlinehändler, die die Preise der Paketdienste in den Keller verhandelt haben. Die Paketdienstleister und ihre Subunternehmer, die an der einzigen Stelle sparen, die ihnen einfällt: Bei Subunternehmern und deren Mitarbeitern.
Denn der Wettbewerb wird künftig laut Andreas Schumann , Vorsitzender des Bundesverbands der Kurier-Express-Post-Dienste e.V. (BdKEP) , vor allem bei Effizienzsteigerungen auf der letzten Meile im Paketsegment geführt: "Die wichtigste Strategie dabei ist Bündelung von Sendungsmengen. Andererseits werden zusätzliche Erlöse über neue Serviceangebote realisiert. Der Zugang zu den Empfängerpräferenzen - Wann wollen Empfänger was wohin geliefert bekommen bzw. abholen? - wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor." Es werde sich zeigen, "ob sich neben den proprietären Plattformen globaler Onlinehändler auch föderative mittelständisch geprägte Plattformen als Alternativen entwickeln."
Im globalen Ranking ist Deutschland von Platz 9 auf Platz 16 in der Rangliste der am besten für das Onlineshopping gerüsteten Länder abgerutscht, wie die UN-Organisation für Handel und Entwicklung (Unctad ) bekannt gegeben hat. Gemessen wird in dem Report etwa, wie schnell Ware geliefert wird und wie berechenbar der Liefertermin ist. Für das Gesamtbild zählen auch die Rate der Internetzugänge und die Dichte der sicheren Server. Grund: Probleme bei der Zustellung. Carsten Hansen , Leiter Innenstadtlogistik beim Bundesverband Paket & Expresslogistik e.V. (BIEK) , schätzt die aktuelle Lage trotz Problemen positiv ein: "Die Zustellung klappt". Doch auch er sieht Herausforderungen: "Der anhaltende Fahrermangel und die Flächenknappheit für logistische Nutzungen werden beim immer weiter steigenden Sendungsaufkommen noch spürbarer. Ladezonen, Mikro-Depots oder Standorte für anbieterübergreifende Paketstationen gibt es noch viel zu wenige."
Den Flaschenhals der Auslieferung wird der deutsche Versandhandel nur dann geweitet bekommen, wenn seine KEP-Dienstleister die Pakete in den Innenstädten der größeren und mittleren Städte schneller ausgeliefert bekommen. Hansen sieht darum auch die Kommunen in der Pflicht: "Auch die unklare Richtung bei der Frage, wie sich die Städte auf die Herausforderungen einstellen, wird uns beschäftigen. Werden die Städte eher auf Regulierung setzen oder eher auf Kooperationen mit der Branche? Alle Themen können die Versorgungssicherheit und Lebensqualität stark beeinflussen." Er erwartet, dass die Lieferlogistik in den Städten bessere Bedingungen durch klar geregelte Ladezonen erhält.
Neben den Problemen mit dem fehlenden und schlecht ausgebildeten Personal ist es vor allem die schiere Paketmenge. Das wiederum macht vor allem Probleme durch die langen Wege, die die Pakete zurücklegen müssen, wenn sie bereits in der Obhut des einzelnen Zustellers sind. Angehen kann man das Problem durch neue, verbrauchernahe Logistikzentren - das reduziert Wege und lässt Zustellsysteme zu, die auf straßenbefreiende E-Bikes setzen. Doch für solche innovativen neuen Logistikkonzepte fehlt es vor allem an einem, wie mir in den vergangenen Wochen immer wieder von Insidern berichtet wurde: an Gewerbeflächen, möglichst in Innenstadtlage. Hier sind die Stadtverwaltungen gefordert. Sie haben es in der Hand, dem Lieferinfarkt zu begegnen.
Inzwischen wird immer deutlicher: Das gegenwärtig vom Online- und Versandhandel praktizierte Logistikmodell des Preisdumpings auf dem Rücken der Zusteller muss sich ändern. Nicht zuletzt deswegen, weil es zum einen zu wenig Zusteller gibt, die sich ausbeuten lassen und weil zum anderen die deutsche Politik in absehbarer Zeit auf irgendeine Art dafür sorgen wird, dass es den Zustellern besser geht. Und sei es, dass der Mindestlohn erhöht wird. Verstopfte Innenstädte und miserable Ökobilanz tun das ihre für den wachsenden Druck auf die Branche.
Deswegen wird 2019 das Jahr, in dem sich der E-Commerce verändert. Pakete werden wohl teurer. Retouren werden wohl teurer. Haustürzustellung wird wohl teurer. Roboter sind kurzfristig nicht in Sicht, die das aufhalten können. Spricht für mehr Präsenzhandel, mehr Crosschannel, einen anderen E-Commerce 2020ff.
Am: 19.03.2019
