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Welche Händler sterben werden: Die neue Rolle des Handels im Internet-Zeitalter

30.11.2015 Es sind nicht Amazon, Google und Facebook, die den Händler töten. Es ist der Verlust seiner ureigensten Kernfunktionen, die für immer mehr Händler-Pleiten sorgen. Doch es gibt Gegenstrategien.

 (Bild: SXC.hu/Natalia Z)
Bild: SXC.hu/Natalia Z

HANDLUNGSRELEVANZ

 
Operativ
Strategisch
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Technik
Medien
Wirtschaft
 
heute
morgen
übermorgen
Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
Was zu tun ist:
Heute: Kundenorientierte Strategien entwickeln
Morgen: USP erarbeiten
Übermorgen: Die Wertschöpfungskette nach oben klettern
Es liegt nicht allein am E-Commerce. Aber der Handel bekommt ein strukturelles Problem. Sterben, so meine Prognose, werden die vielen Kistenschieber. Aber der Reihe nach:

Erstens: Auch im E-Commerce wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird

Auch wenn der E-Commerce in einigen Branchen in Deutschland bereits rückläufig ist, in manchen Branchen geht das Wachstum erst los: Die Nachzüglerbranchen, dazu gehören laut IFH-Studie   unter anderem Fast Moving Consumer Goods wie Lebensmittel und Drogeriewaren (+ 22 Prozent), Schmuck & Uhren (+ 18,2 Prozent), Heimwerken & Garten (+ 16 Prozent), Teppiche, Fahrräder und Wohnleuchten/Lampen sind 2014 überdurchschnittlich gewachsen.

So ist es kein Wunder, dass der E-Commerce mit einem Plus von über zehn Prozent immer noch schneller wächst als der gesamte Einzelhandel (geschätzt: 1,5 Prozent). 2015 wird darum der Onlinehandel in Deutschland laut Hochrechnung rund 46 Milliarden Euro umsetzen und damit rund ein Zehntel des gesamten deutschen Einzelhandelsumsatzes von vorraussichtlich 466 Milliarden Euro   ausmachen.

Grün markiert sind die Renditen von unterschiedlichen Onlinehändlern, weinrot die Renditen unterschiedlicher Stationärhändler in den Jahren 2010 bis 2013. Mit Rauten markiert sind die jeweiligen durchschnittlichen Renditen. Im hinteren Feld sind die Vier-Jahres-Durchschnittsrenditen der einzelnen Anbieter aufgetragen. Die Renditen der Onlinehändler sind nicht nur im Gesamtdurchschnitt niedriger als die Renditen der Präsenzhändler (rechtes Feld), ihre durchschnittliche Rendite sinkt auch - im Gegensatz zu der der Präsenzhändler - von Jahr zu Jahr. Gleichzeitig erhöht sich die Streuung.
Grün markiert sind die Renditen von unterschiedlichen Onlinehändlern, weinrot die Renditen unterschiedlicher Stationärhändler in den Jahren 2010 bis 2013. Mit Rauten markiert sind die jeweiligen durchschnittlichen Renditen. Im hinteren Feld sind die Vier-Jahres-Durchschnittsrenditen der einzelnen Anbieter aufgetragen. Die Renditen der Onlinehändler sind nicht nur im Gesamtdurchschnitt niedriger als die Renditen der Präsenzhändler (rechtes Feld), ihre durchschnittliche Rendite sinkt auch - im Gegensatz zu der der Präsenzhändler - von Jahr zu Jahr. Gleichzeitig erhöht sich die Streuung. (Grafik: Hightext Verlag)
Während der deutsche E-Commerce einerseits umsatzmäßig nicht in den Himmel wächst, sind die Erträge gleichzeitig eher unterirdisch. Die Renditen der Onlinehändler sind nicht nur im Gesamtdurchschnitt niedriger als die Renditen der Präsenzhändler, ihre durchschnittliche Rendite sinkt auch - im Gegensatz zu der der Präsenzhändler - von Jahr zu Jahr, wie die iBusiness-Analyse 'Verlustgeschäft E-Commerce: So tief sinken die Shop-Renditen wirklich' herausgefunden hat.

Zweitens: Der Handel geht mancher seiner Rollen verlustig

Traditionell erfüllen Händler eine Reihe von Aufgaben. Sie
  • sorgen dafür, dass der Kunde erfährt, welche Waren es gibt ('Informationsstrom')
  • sorgen dafür, dass die Waren verfügbar sind ('Realgüterstrom')
  • und sie sorgen dafür, dass der Kunde die Waren auch erwerben kann ('Nominalgüterstrom')
  • Außerdem bewerten und beraten sie den Kunden ('Sozialer Strom') und
  • sie sorgen dafür, dass zusätzliche Services erbracht werden ('Dienstleistungsstrom')
Zumindest die ersten drei Funktionen sind in der wissenschaftlichen Handelsliteratur verbreitet. Wir haben die Systematik erweitert:
Die Systematik der Distributionsfunktionen des Handels
Prozess-
Beziehungen
Dimensionen
RaumZeitQuantitätQualität
Realgüter-
Strom
Transport und Transformation von Handelsgütern vom Hersteller zum Nutzer
Warentransport von Ort zu OrtVorratshaltungSammeln, Aufteilen, Umpacken, Kommissionieren(Aus)Sortieren, Mischen, Abpacken, Markieren, Sortimentieren
Nominalgüter-
Strom
Transport und Transformation von Zahlungsmitteln vom Nutzer zum Hersteller
Übermitteln von Zahlungsmitteln von Ort zu OrtVorfinanzierung des Herstellers, Kredite an die VerbraucherSammeln, Aufteilen der Zahlungsbeträge und -belegeUmwandeln der Zahlungsmittel und Sicherungsformen
Informations-
Strom
Transport und Transformation von Informationen vom Hersteller zum Nutzer und umgekehrt
Übermitteln von Informationen von Ort zu OrtSpeichern, VordisponierenSammeln von Informationen, Aufteilen von Kommunikationsmitteln (z.B. Werbemittelzuschüsse)Verdichten, Kommentieren, Interpretieren, Ergänzen, Prognostizieren
Sozialer
Strom
Transport und Transformation von Bewertungen vom Hersteller zum Nutzer und umgekehrt und zwischen den Nutzern untereinander
Übermitteln von Meinungen von Ort zu OrtSpeichern, VordisponierenSammeln von Meinungen, Gliedern, KumulierenHierarchisieren, Bewerten, Filtern
Dienstleistungs-
Strom
Transport und Transformation von Services vom Hersteller zum Nutzer
Organisation von Services am Nutzer-ZielortOrganisation von Services zur gewünschten Nutzer-ZeitOrganisation von Services im vom Nutzer gewünschten UmfangOrganisation von Services im vom Nutzer gewünschten Service-Level
(basierend auf Prof. Dr. Willy Schneider   )

Den Handel bedrohen nun zwei durch das Internet induzierten Entwicklungen:
  1. Einerseits verliert er durch die wachsende Transparenz sein Alleinstellungsmerkmal, diese Distributionsfunktionen gegenüber dem Kunden anzubieten
  2. andererseits erlauben digitale Geschäftsmodelle, Unternehmen Teile der Wertschöpfungskette abzuspalten, die bislang dem Handel vorbehalten waren.
Die Digital-Monopole machen sich in den Distributionsfunktionen des Handels breit, wie bei verschiedenen ECommerce-Beratern postuliert wird  :

Die Digital-Monopole und die Distributionsfunktionen des Handels
Prozess-
Beziehungen
Dimensionen
RaumZeitQuantitätQualität
Realgüter-
Strom
Transport und Transformation von Handelsgütern vom Hersteller zum Nutzer

Nominalgüter-
Strom
Transport und Transformation von Zahlungsmitteln vom Nutzer zum Hersteller

Informations-
Strom
Transport und Transformation von Informationen vom Hersteller zum Nutzer und umgekehrt

Sozialer
Strom
Transport und Transformation von Bewertungen vom Hersteller zum Nutzer und umgekehrt und zwischen den Nutzern untereinander

 (Bild: Facebook.de)
Bild: Facebook.de

Dienstleistungs-
Strom
Transport und Transformation von Services vom Hersteller zum Nutzer

 (Bild: Myhammer)
Bild: Myhammer



Amazon   als Onlineshop-Dienstleister übernimmt Versandhauslogistik, Paymentanbieter wie Paypal   sorgen für Geldtransfer, für Finanzierungskredit und den Wechsel von der einen in die andere Währung. Suchmaschine Google   aggregiert die (Produkt-)Information genauso, wie es das Social Network Facebook   mit den Kommentaren und Bewertungen tut. Und die Dienstleistungen wiederum werden über Serviceplattformen wie Myhammer   gesteuert.

In oben stehendem The-Pure-Players-take-it-all-Szenario bleibt für den Handel strukturell so gut wie überhaupt keine Funktion mehr übrig.

Drittens: Embedded Service. Wie der Handel seine neue Rolle findet.

Dass das nicht so einfach ist, zeigt ein Blick in eine bessere Fußgängerzone und auf die überall aus dem Boden sprießenden Einkaufszentren und Shopping-Malls. Trotz einer wachsenden Granularisierung der Handels-Wertschöpfungskette existiert kein genereller Amazon-Commerce (also die Übernahme des Handels durch die Pure Player). Wohl aber eine Übernahme von Teilfunktionen. Das wird zu einem Problem für Händler und Handelsstufen, denen es nicht gelingt, in den kommenden Jahren gegenüber dem Konsumenten nachzuweisen, dass er einen eigenständigen Beitrag zur Wertschöpfungskette liefern kann. Solche überlebensnotwendigen Alleinstellungsmerkmale für Händler können unter anderem sein:
  • Im Realgüterstrom: Das Bereitstellen und Sortimentieren von kleinteiligen Warenströmen, die sich für auf Skalierung angewiesene Netze nicht lohnen (Import aus kleinen Manufakturen, Zusammenstellung von individuellen Warenkörben), die Herstellung eigener Waren, Spezialsortimente, das Verleihen von Produkten (Shareconomy) ...
  • Im Nominalgüterstrom: Leasing, Produktversicherungen und Verbraucherkredite im Zusammenhang mit dem Warenkauf...
  • Im Informationsstrom: Schulungen und Workshops zur Benutzung von Produkten, Anwendungsberatung...
  • Im sozialen Strom: Erlebniseinkauf, Hilfe zur Selbstverwirklichung des Kunden, Organisation von Kunden-Communities, Share-Communities, Organisation von Social Innovation für den Hersteller...
  • Im Dienstleistungsstrom: Serviceverträge, Aufbau, Installation und Wartung von Produkten, Nutzungsberatung...
Auch die Kombination der verschiedenen Ströme zum Nutzen des Kunden können ein Alleinstellungsmerkmal sein: Wer als Schraubenhändler eine globale 24-Stunden-Liefergarantie inklusive dem Zurverfügungstellen eines geschulten Servicetechnikers anbieten kann (vielleicht mit dezentralem 3D-Druck?), der wird auch in Zukunft mit dem Verkauf von Schrauben überleben können - wenn die Stückzahl und die Rendite ansonsten stimmt.

Kistenschieber wie zum Beispiel Großhändler werden dann (und nur dann) überleben, wenn sie um so viel intelligenter Kisten schieben, als das akkumulierte Netzangebot es kann. Embedded Services, die nicht oder nur schwer standardisiert und/oder digitalisiert werden können, wird auf absehbare Zeit nicht so schnell komplett digitalisiert ins Netz wandern. Händler und Hersteller werden sich diesen Markt teilen. Wobei es eine Fülle von kooperativen bis hin zu konkurrierenden Modellen geben wird. Händler, die sich nicht verändern, werden hingegen nur mit viel Glück nicht sterben.

Vier Szenarien für die Zukunft des Handels

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
30%
Best-Case-Szenario

Embedded Service

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mehrheit der Händler in die Aufwertung ihrer Produkte investiert, halten wir für verhältnismäßig gering. Eine Marktbereinigung auf breiter Front ist daher relativ wahrscheinlich.

Aktiv
20 %
Worst-Case-Szenario

Neue Marktaufteilung

Noch niedriger einzuschätzen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein friedfertiges Nebeneinander von Internet-Unternehmen und Handel einstellt. Zu lukrativ sind Digitalnischen, zu mächtig die Algorithmen. Die Wahrscheinlichkeit eines Verdrängungswettbewerbs ist hoch, der Handel hat schlechte Karten.

Passiv
40%
Best-Case-Szenario

Margenschwund

Margenschwacher Onlinehandel frisst margenstärkeren Präsenzhandel: Ein wahrscheinliches Szenario. Übrig bleiben die, denen entweder eine Economy-of-Scale gelingt - oder die sich in margenstärkere Segmente retten.

Passiv
10%
Worst-Case-Szenario

Pure Player

Online frisst Offline: Dieses Szenario ist wenig wahrscheinlich. Soziale Beharrungskräfte und Gegensteuerungsmaßnahmen werden dieses Szenario (wenn überhaupt) dann zur Ausnahme in Teilmärkten machen.

Thema: Welche Händler sterben werden: Die neue Rolle des Handels im Internet-Zeitalter

Kommentar von Joachim Graf

Wo ist dein USP, Händler?!

Händler müssen sich fragen lassen: Wo ist dein Alleinstellungsmerkmal? Das, was nicht irgendjemand im Internet besser kann?

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Joachim Graf (Michael Poganiatz)
Bild: Michael Poganiatz
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