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Desaster-Monopoly: Apples Werk und Googles Beitrag

07.04.2011 Jedes der großen, einflussreichen Unternehmen der Internet-Welt hat seinen eigenen blinden Fleck: Apple kann kein Internet, Google ist nicht sozial und Facebook wird nie demokratisch werden. Das ist so lange in Ordnung, bis sich die Rahmenbedingungen ändern. Wie jetzt.

 (Bild: Sidorenko Alexey)
Bild: Sidorenko Alexey
Bild: Sidorenko Alexey unter Creative Commons Lizenz by
 (Bild: Sidorenko Alexey)
Bild: Sidorenko Alexey
Wenn, wie unlängst Google   mit "+1", Unternehmen neue Features starten und auf neue strategische Marktfelder linsen, dann hat dies nicht immer notwendigerweise mit Planung, mit Überlegung und mit gerichteten Aktionen zu tun. Ganz oft können sie einfach nicht anders.

Die eigenen Stärken sind die eigenen Schwächen

Unternehmen (wie auch Menschen) sind stark, weil sie bestimmte Dinge auf eine ganz bestimmte Art machen: Google technisch. Apple   optisch. Facebook   sozial. Und Amazon   operativ. So lange ein Mensch (oder ein Unternehmen) mit dem Erfolg hat, was er/sie tut, so lange wird er alles auch genau auf diese Art lösen - selbst wenn sie/er "eigentlich"(intellektuell) weiß, dass es "eigentlich" falsch ist. Aber die Gewohnheit ist einfach stärker. Die Blogger von JoyofTech.com haben dieses Phänomen in einem wunderschönen Comic gezeichnet:

Google:
Das unsoziale Unternehmen

Es scheint ein Fluch auf allen Google-Bestrebungen zu liegen, das Kerngeschäft zu verlassen und im Bereich Social Media ein Bein auf den Boden gegen Facebook zu bekommen. An Versuchen dazu hat es nicht gefehlt:
  1. Buzz sollte dem Microblogging-Dienst Twitter   das Leben schwer machen. Das ging daneben: Twitter erfreut sich steigender Beliebtheit, während Buzz über einen Kreis von Nerds nie hinauskam.
  2. iGoogle sollte dem Hang vieler Nutzer zur Personalisierung ihres Auftritts Rechnung tragen. Doch Personalisierung wird beinahe überall angeboten. Die meisten Nutzer konnten auf iGoogle verzichten.
  3. Wave wurde vergangenen August als eigenständiges Produkt beerdigt. Leider hätten sich nicht genügend Tester für das Produkt begeistern lassen, gestand Senior Vice President Urs Hölzle im Blogeintrag   zerknirscht. Nun soll das Kollaborationstool in andere Produkte integriert werden.
  4. Google Lively war der Versuch, 3D-Avatare im Google-Universum zu etablieren. Das Google-Blog   hatte bereits im November 2008 die erst im Juli eröffnete 3D-Welt wieder für beendet erklärt. Grund hier: Die Nutzer taten Dinge, die so gar nichts mit der Google-Welt zu tun hatten. Chatten, zum Beispiel.
  5. Google Latitude gehört in der Gruppe der Social-Media-Dienste zur Unterabteilung 'Location Based Services'. Wurde nicht im gleichen Maß angenommen wie etwa Foursquare  , das über die reine Funktion der Lokalisierung von Freunden hinaus Empfehlungen von Bars, Kneipen und Restaurants zuließ. Pikant: Foursquare wurde von ehemaligen Google-Mitarbeitern gegründet, die Google-intern mit ihrem gleichartigen Projekt scheiterten.
  6. Orkut   ist bislang das einzige reine soziale Netzwerk aus dem Hause Google. Erfährt starken Zuspruch in Brasilien und Indien, sonst nur Eingeweihten ein Begriff.
  7. Google Me wird Mal auf Mal verschoben. Der letzte Starttermin - Herbst 2010 - ist obsolet, zuletzt sprachen die Suchmaschinen-Manager von "Frühjahr 2011".
Google verfügt zwar über Expertise und das richtige Personal, um ein solch komplexes Produkt wie eine Social-Media-Plattform zu konzipieren und zur Marktreife zu entwickeln. Doch heraus kommt eine Social-Media-Plattform, wie sie sich Nerds vorstellen. Das erklärt sich vielleicht auch aus der Geschichte des Suchmaschinen-Giganten: Mit der Suchmaschinen-Technik fing es an, dann kam das auf Werbung basierende Geschäftsmodell hinzu. Seitdem wurde und wird immer wieder an der Technik geschraubt, verbessert, um dieses Kerngeschäft auch gegen eventuelle Mitbewerber zu schützen, die mit den Entwicklungsschüben in hoher Geschwindigkeit von Google nicht mithalten konnten und bis jetzt können. Während also Googles Kerngeschäft von Technik getrieben wird, lebt ein soziales Netzwerk von der Begeisterung und Emotion seiner Nutzer. Begeisterung vermag Google letztlich nicht zu wecken. Adjektive, die das Unternehmen treiben sind stets kopfgesteuert: "nützlich""schnell" oder "technisch ausgefeilt". Denn Emotionen verlangt niemand, der eine Datenbank benutzt. Und mehr ist Google letztlich nicht: Ein Unternehmen, dessen DNA eine Datenbank ist.

Unternehmens-DNA: Algorithmen
Was das Unternehmen gut kann: Suche, Organisation, Struktur
Was das Unternehmen nie können wird: Menschen, Soziale Netze, Kommunikation

Apple:
Die Kontroll-Freaks

Auch Apple hat Probleme mit Social Media. Allerdings nicht, wie Google, weil der Konzern die Emotionen der Nutzer nicht versteht. Sondern weil er sie absichtlich ignoriert, wenn sie nicht im Sinne von Apple funktionieren.

Steve Jobs reklamiert die Kontrolle über alle Aspekte des Ökosystems, in dem der Nutzer sich bewegt: von der Hardware über die Software bis hin zum Content. Der Vorteil: Der Nutzer bekommt eine bruchlose Erfahrung. Der Nachteil: Das funktioniert nur, solange er sich innerhalb der nicht von ihm selbst definierten Grenzen bewegt. Überzeugte Apple-Nutzer freut das, für alle anderen ist es ein Reality Distortion Field. Beispiel: Statt Google im Bereich Suchmaschinenwerbung Konkurrenz zu machen, wo es angesichts seines Marktanteils kaum angreifbar ist, erfindet Jobs einfach das neue Segment App-Werbung. Zitat Jobs: "Kein Mensch nutzt die Suche auf einem Smartphone, aber jeder nutzt Apps."

Kontrolle ist das, was die DNA von Apple eigentlich ausmacht. Fanatische, zentralisierte Kontrolle. Kontrolle über Design und Usability, über Hardware und Software. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was das Internet im Kern ausmacht. Denn das ist gemacht aus Dezentralisierung und schmutzigem, kreativen Chaos. Dezentralisierung und Chaos kann zwar Google (via Algorithmus) beherrschen - aber das mit den Menschen können die Suchmaschineningenieure nicht. Das wiederum fällt Apple leicht - ganz im Gegensatz zu dem Internet.

Unternehmens-DNA: Kontrolle
Was das Unternehmen gut kann: User Experience, Design, Style
Was das Unternehmen nie können wird: Open Source, Demokratie, Chaos, Internet

Facebook:
Die Egoisten-Plattform

Was für Google das Signal ist, ist für Facebook der Noise: Kommunikation ist für das soziale Unternehmen alles. Und zwar die Kommunikation des Einzelnen. Zentrales Element sind die Feeds und die Bewertungen von einzelnen Content-Schnipseln über den Like-Button. Was allesamt Push-Angebote sind. Gruppen und Foren bietet Facebook zwar an, sie besitzen allerdings bei weitem nicht diese Bedeutung. Auch 'Facebook Message' und der darin enthaltenen "Social Inbox", das Tool, mit dem Facebook beim Unified Communication zum Game Changer werden wollte (siehe "Facebook will der große Online-Kommunikator werden") ist für Facebook-Verhältnisse erstaunlich unerfolgreich. Die Gründe liegen in der Noise-DNA des Unternehmens:
  1. Die Kernkompetenz von Facebook liegt im Bereich Social Media, d.h. einer möglichst offenen Kommunikationsstruktur. Eine Lösung für die gesamte private Kommunikation müsste seinen Schwerpunkt am entgegengesetzten Ende der Skala ansiedeln: Bei der Sicherheit privater Daten und dem Schutz der Privatsphäre. Dort hat Facebook eindeutig Schwächen.
  2. Die Unternehmenskultur von Facebook lebt vom Verschwinden der Privatheit. Persönliche Kommunikation wird aber privat bleiben. Damit stellt sich die Frage, ob das soziale Netzwerk überhaupt in der Lage ist, die Anforderungen der Nutzer an ein solches Tool erfüllen zu können.
  3. Einzelne Nachrichten können nicht gelöscht werden, nur ganze Unterhaltungen, "Threads".
  4. Auch klassische Organisations-Tools bei E-Mail, wie das Ausfüllen von Betreffzeilen bei E-Mails entfällt, da dies nach Ansicht von Mark Zuckerberg "zu formell" und "zu langsam" ist. Für das Wiederauffinden von bestimmten Nachrichten ist der Dienst schlicht nicht gedacht: In den riesigen Heuhaufen empfangener Nachrichten ist keine Nadel mehr zu finden.
Kein Wunder, denn auch darum geht es bei Facebook nicht - sondern um kontinuierliches Senden von Botschaften. Insoweit sind Facebook und Twitter eng verwandt - was sich nicht nur darin zeigt, dass Twitter Facebook bei den Unternehmens-Fanpages kopieren will   und Facebook umgekehrt mit Friendfeed   einen Twitter-Klon sein Eigen nennt.

Unternehmens-DNA: Noise
Was das Unternehmen gut kann: Social Media, Social Graph, soziale Agenten
Was das Unternehmen nie können wird: Datenschutz, Sicherheit (Commerce, Payment), Zwei-Wege-Kommunikation

Das hat Folgen für die Digitale Welt:

Thema: Desaster-Monopoly: Apples Werk und Googles Beitrag

Kommentar von Joachim Graf

Die Folge für den Kampf um die Macht in der digitalen Welt

Was bedeutet es, wenn Apple, Facebook und Google ihre Geschäftsfelder nicht einfach so erweitern können wie sie wollen? Ich denke, es ist gut für die digitale Welt. Und ein Desaster für die drei.

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 (Michael Poganiatz)
Bild: Michael Poganiatz
Neuer Kommentar  Kommentare:
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Von: Dominik Müller ,  arsmedium zwei GmbH ,  Verbindungen
Am: 07.04.2011

Zu: Desaster-Monopoly: Apples Werk und Googles Beitrag

Lieber Herr Graf.

Ihr Beitrag hat meine Mittagspause richtig "gerockt"!
Sie schreiben sowieso gut. Aber hierzu kann ich nur sagen: "Echt geil!"

Vielen Dank dafür und herzliche Grüße aus Nürnberg.

Zu: Desaster-Monopoly: Apples Werk und Googles Beitrag

vielen Dank. So etwas lese ich doch gerne :-)
kein Bild hochgeladen
Von: Dominik Müller ,  arsmedium zwei GmbH ,  Verbindungen
Am: 08.04.2011

Zu: Desaster-Monopoly: Apples Werk und Googles Beitrag

Lieber Herr Graf.

Ihr Beitrag hat meine Mittagspause richtig "gerockt"!
Sie schreiben sowieso gut. Aber hierzu kann ich nur sagen: "Echt geil!"

Vielen Dank dafür und herzliche Grüße aus Nürnberg.
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