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Megatrend Partizipation: Die weltverändernde Kraft hinter Social Media
14.12.2011 Megatrends sind gesellschaftliche, politische oder soziale Trends von lang anhaltender Dominanz. Ein solcher Megatrend im Umfeld von Internet und Social Media ist 'Partizipation'. Partizipation ist die logische Weiterentwicklung auf die Entwicklung des Internets. Sie wird Auswirkungen haben auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.
Der Traum vom generellen Menschheitsbeglücker Internet mag überzogen sein - schließlich waren auch die Plünderungen in England im August 2011 so facebook-, twitter- und weborganisiert, dass sie als Blackberry Riots in den britischen Sprachgebrauch Aufnahme fanden.
Doch welche Macht Facebook zu haben scheint, wird in den Unruhen der arabischen Welt deutlich: Das ägyptische Regime sah sich genötigt, neben Facebook auch den Microbloggingdienst Twitter zu sperren. Es erhoffte sich davon, die Kommunikation unter den Studierenden zu erschweren, damit es nicht zur Organisation von weiteren Protesten kommen würde. Auch die syrische Assad-Diktatur versucht die Opposition, die sich auch über Facebook zu organisieren versucht , auszubremsen - durch Websperrungen, aber auch durch Hackerattacken und Unterwanderung.
Douglas Coupland, , Autor des globalen Bestsellers 'Generation X ' : "Die immer schnelleren, einfacheren und billigeren Vernetzungsmöglichkeiten führen zu einer Tribalisierung, zur Bildung von Stämmen. Jede Form von Zusammenschluss wird durch die neuen Technologien vereinfacht und verstärkt."
Doch der arabische Frühling hat nur ans Licht gebracht, was das Internet für im wahrsten Sinne des Wortes weltverändernde Auswirkungen hat. Durch das zunehmend global verfügbare Internet verändert sich nicht nur die Wirtschaft, das Publishing oder die Gesellschaft - sondern einfach alles:
- Das Internet erlaubt zu minimalen Kosten den Zugriff auf alle öffentlich gespeicherten Informationen. Damit schließt sich zumindest potenziell der Vorsprung, den Herrschaftswissen bereitstellt.
- Im Internet werden global Informationen verfügbar, die bislang durch persönliches Inaugenscheinnehmen verfügbar waren - Beispiel Streetview - oder die nur durch öffentliche Quellen zu Minikosten kombinierbar (und damit auch verfügbar: siehe Punkt 1) sind. Beispiele: Handyortungsdaten in öffentlichen Stauinformationen.
- Das Internet erlaubt auch Informationen über Menschen, die ähnliche Interessen, Überzeugungen, Positionen haben und (und das ist zusätzlich neu) die zeit- und ortsunabhängige Vernetzung mit ihnen.
- Über das Internet lassen sich Kommunikationsprozesse organisieren und automatisieren, dadurch sinken auch die Verwaltungskosten der Kommunikation und Organisation großer Gruppen. Beispiele: Der Veranstaltungseintrittsorganisator Amiando und das Terminfindungstool Doodle
Gleichzeitig muss man die Granularisierung der Welt als Megatrend in Betracht ziehen: Wo immer man hin sieht, lösen sich die etablierten Strukturen der Welt auf. Ersetzt werden sie allerdings nicht durch Chaos, sondern durch neue Strukturen. Und die sind durchwegs kleinteiliger, filigraner und dezentraler als die alten. Softwarelösungen, Agentensysteme oder auch Roboter der Zukunft werden ja in Zukunft eher aussehen wie Ameisenhaufen - nicht wie Ameisenbären.
Die Folge aus der Granularisierung einerseits und dem globalen 'information and communication at your fingertip' andererseits ist der Wille und die Fähigkeit zur Partizipation. Wenn die Menschen
- mitreden wollen und
- mitreden können, dann
- werden sie mitreden
Die fünf Schlüsselfaktoren für die Zukunft und wie sie vom Megatrend 'Partizipation' beeinflusst werden
- Politik: Direkte Demokratie und imperatives Mandat, unmittelbare Wahl von Parteikandidaten, Echtzeit-Meinungsumfragen und globale Parlamente waren in der Vergangenheit stets limitiert durch den enorm hohen Aufwand, den solche Werkzeuge mit sich bringen. Da die Zukunft immer vernetzter sein wird, Sicherheitsaspekte sich über kurz oder lang lösen lassen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Trend in der Politik langfristig hingeht zu eher mehr als weniger partizipatorischen Elementen. So wie es die Gewerkschaft versucht, die ihre Mitglieder per Facebook in die Entscheidungen der Kommission bei Tarifverhandlungen einzubeziehen versucht.
- Umwelt: Weil Rohstoffe eher knapp werden, setzen immer mehr Gesellschaften global auf die Entwicklung des einzigen Rohstoffs, den sie haben: Dem Wissen der eigenen Bevölkerung. Investitionen in Ausbildung und Vernetzung führen wiederum dazu, dass der Wunsch nach Partizipation wächst - nicht zuletzt, weil ihnen der Zugang zur Vernetzung Alternativen zur eigenen Lage zeigt.
- Wirtschaft: Bislang war der Kunde König - allerdings in einer Ökonomie, die sich als Republik versteht. Immer mehr Informationen bekommt der Kunde inzwischen per Internet: Die Erfahrungen anderer Kunden. Die Preise anderer Anbieter. Den Produktzuschnitt auf anderen Märkten. Und zunehmend versuchen Unternehmen, Kunden in einen (tatsächlichen oder vermeintlichen) Dialog einzubeziehen. Die Meinung des Kunden gewinnt an Bedeutung. Die Meinung des Unternehmens verliert langfristig tendenziell eher. Deswegen entwickeln sich die aus dem Social Web bekannten Techniken weiter und wandern in die bisher sozial und kommunikativ vernachlässigten Teile der Wertschöpfung. Zum Beispiel in die Produktentwicklung (Crowdsourcing, Open Innovation), in die Fertigung (Mass Customization) und in den Service.
- Sozial: Die letzten Diktaturen in Europa - die Unternehmen - werden durch Enterprise 2.0 partizipatorischer. Und das ist nicht zuletzt deswegen ein Trend, weil die Mitarbeiter über ihre positiven Erfahrungen mit anderen sozialen Netzwerken gelernt haben, dass man in einem Netzwerk mehr tun kann, als das, was ihnen das aktuelle Intranet anbietet. Schon deswegen werden sich Intranets in Social Intranets verwandeln. Das Wissen um die eigene soziale Situation und um die soziale Situation der Regierenden zündet den sozialen Sprengstoff in all den Gesellschaften, in denen zumindest eine groß genuge Minderheit über den Zugang zum Internet verfügt. Nachdem das für immer mehr Gesellschaften gilt, sorgen Whistleblower-Netzwerke wie Wikileaks für die nötige soziale Transparenz.
- Technik: Datenübertragungsraten werden auch in Zukunft steigen. Suchalgorithmen werden besser werden. Vernetzung wird billiger werden. Auch das gesellschaftliche Lernen der Kulturfähigkeit 'Internetnutzung' wird sich immer weiter durchsetzen - innerhalb der Industriestaaten sowieso, aber auch in weniger entwickelten Gesellschaften. Weil gleichzeitig die Internetnutzung ebenso wie die Internetbefähigung der Bevölkerung auch für diktatorische Regime immer unumgänglicher wird, ist die Verbreitung der technischen Voraussetzungen für die Entwicklung der Partizipations-Gesellschaft unaufhaltsam.
