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Bestandsaufnahme: Social Media in der deutschen Politik
27.09.2012 Aus dem Dialog mit den Mächtigen in Social Media wird digitale Demokratie. Nutzer beeinflussen aktiv die Politik. Die Macht verlagert sich in soziale Medien. Eine Chance für die Interaktivbranche, Budgets abzustauben: Doch vorher müssen sieben Hürden genommen werden.
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Mit dem Berliner Parlamentseinzug der Piraten vor einem Jahr ist das Internet endgültig als reale Größe im politischen Bewusstsein angekommen und prominentes Wahlkampfthema geworden. Die Piratenpartei arbeitet zwar fieberhaft und eher mäßig erfolgreich daran, dem Wahlerfolg substanzielle Errungenschaften nachzuliefern, doch spurlos blieb ihr Parlamentseinzug nicht: Besonders das Thema Partizipation über soziale Medien und Abstimmplattformen hat an Fahrt gewonnen. Die zuvor praktisch vollkommen unbekannte Partizipationssoftware Liquid Feedback , die die Piraten bei internen Abstimmprozessen nutzen, ist in den Schlagzeilen angekommen . Dabei wird, medial typisch, mehr auf die strukturellen und technischen Kinderkrankheiten als das Potenzial eingegangen.
Dabei weist der piratische Politikansatz weit über den Nerd-Chaotenhaufen hinaus: Internetdialog und Mitbestimmung sind bei jeder bedeutenden Partei auf der Agenda angekommen - das zeigt ein Check der Social-Media-Aktivitäten und Partizipationsprogramme.
| Partei | Twitter-Follower | Facebook-Fans | Youtube-Kanal | Digitale Bürgerbeteiligung |
|---|---|---|---|---|
| CDU/CSU | @cdu_news : 23.100 | CDU : ca. 22.000 CSU : 8000 | CDU TV CSU Media | Unter CDU Plus können Mitglieder diskutieren oder Vorschläge zum Parteitag einreichen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sammelte von Februar bis April 2012 auf der Onlineplattform dialog-ueber-deutschland.de Vorschläge von Bürgern zu Zukunftsthemen. Die Urheber der von den meisten Nutzern unterstützten Vorschläge wurden zur Diskussion ins Kanzleramt geladen. |
| Twitter-Primus: Kristina Schröder - rund 29.000 Follower | ||||
| SPD | @spdde: : 28.300 | ca. 30.000 | SPD Vision | Führen mit den Bürgern online einen "Zukunftsdialog" bei dem Vorschläge für das Regierungsprogramm gesammelt und später im "realen Leben" diskutiert werden. Plattform ist die vom Liquid Democracy e.V. geschaffene Beteiligunssoftware Adhocracy |
| Twitter-Primus: Hubertus Heil / Björn Boehning je knapp 17.000 | ||||
| Grüne | @Die_Gruenen : 48.000 | 31.500 | Kanal Grün | Unterstützen digitale Partizipation, nahmen Online-Diskussionen zu zwei Gesetzesentwürfen vor. Für kommenden Juni ist laut Financial Times Deutschland eine dreitägige Onlinedebatte zu den Wahlkampfthemen geplant, die Entscheidung darüber liegt im Anschluss bei den Kreisverbänden. |
| Twitter-Primus: Twitter-Primus: Volker Beck : etwa 25.000 | ||||
| FDP | FDP_Fraktion: : 24.000 | 18.500 | tv liberal | Auf das Thema Netzpolitik und auf Bayern beschränkte Mitwirkung via Plattform New Democracy - eingereichte Vorschläge werden auf Parteitagen weiter diskutiert. |
| Twitter-Primus: Patrick Kurth - rund 12.000 | ||||
| Linke | Die Linke : ca. 4800 | 16.100 | Fraktion Die Linke | Projektgruppe diskutiert Wege zur Verbesserung der digitalen Partizipation. |
| Twitter-Primus: Katja Kipping - rund 3.100 | ||||
| Piraten | @Piratenpartei : 113.000 | 80.000 | Piratenpartei | Avantgarde bei der digitalen Partizipation mit der eigens programmierten Beteiligungssoftware Liquid Feedback - Mitglieder können bei konkreten politischen Entscheidungen mit abstimmen. |
| Twitter-Primus: Marina Weisband : ca. 33.000 |
Dieser Vergleich der Social-Media-Aktivitäten und der Adoption von Mitbestimmungprozessen lässt einige Diagnosen über den aktuellen Status der internetgestützten Partizipation bei Parteien in Deutschland zu. Besonders, wenn man einige Rahmendaten hinzu nimmt, wie etwa die deutsche Demografie und die Zusammensetzung des Bundestages oder Fakten zur Internetnutzung, wie sie etwa im (N)onliner-Atlas 2012 erfasst sind:
- Steigender Mitmachdruck: In erster Linie twittern die Vertreter der zweiten oder noch weiter hinten gelegenen Reihen am fleißigsten. Die Followerzahlen legen ein allgemeines Interesse an politischer Teilhabe bei den Nutzern nahe. Das Fehlen der Schwergewichte (etwa Angela Merkel) zeigt jedoch, dass auf der anderen Seite der finale Schritt in den Mainstream, die volle Akzeptanz bei den Mächtigen noch auf sich warten lässt. Der Innovationsdruck baut sich von unten nach oben auf.
- Die Zeit arbeitet pro Partizipation: Die meisten Bundestagsabgeordneten sind 40 bis 70 Jahre alt, das Durchschnittsalter im Deutschen Bundestag liegt bei 49 Jahren. Dies legt nahe: Internetaffinität, Partizipation und Dialog in den sozialen Netzen sind ein Thema, das sich mit dem Voranschreiten der Zeit natürlich von selbst auf die politische Tagesordnung hebt. Denn die nachwachsende Generation von Abgeordneten wird anders als die aktuelle mit neuen Medien sozialisiert worden sein.
- Verweigerung wird zunehmend schwerer: Parteien haben entweder Methoden zur digitalen Partizipation aktiv genutzt oder planen sie zu verwenden. Der Innovationsdruck, unter dem die politischen Mitbewerber stehen, ist so groß, dass bloße Verweigerung kaum mehr in Frage kommt.
- Fehlender Katalysator: Noch fehlt Deutschland die zentrale Lichtgestalt, der Obama, der das Potenzial digitaler Teilhabe an Politik ins rechte, glamouröse Licht rückt und somit als Katalysator wirkt.
- Opportunitäten für die Interaktivbranche entstehen: Eine Wechselwirkung entsteht: Der Bedeutungszuwachs von Methoden des Social-Media-Marketings und virtueller Partizipation politisiert die Interaktivbranche und digitalisiert die Politik. Ein Bedarf an Beratung und Dienstleistung für Politiker und Würdenträger auf vielen Feldern des Interaktiven entsteht.
Dennoch: Es gibt sieben neuralgische Punkte, an denen es sich anzusetzen lohnt. Arbeit an diesen Punkten könnte den EDemocarcy-Prozess beschleunigen:
- Problem "Der Politiker selbst":
Gut zwei Drittel der deutschen Volksvertreter nutzen soziale Medien, jedoch nur wenige davon tatsächlich intensiv, fand der Social Media Activity Index 2011 der Universität St. Gallen heraus - mit Daten aus 2010 ist der schon fast ein antikes Dokument, zeigt aber wie langsam sich Politiker mit den sozialen Medien anfreunden.
Lösungsansatz: Jeder Politiker sollte stattdessen selbst den Gebrauch des Social Web in Bezug auf die Werkzeuge und deren Funktionsweise von der Pike auf erlernen. Denn durch die Social Media haben die Politiker die Chance, sich von ihrer menschlichen Seite zu zeigen und den potenziellen Wählern ihre Wertvorstellungen deutlich zu machen. Innerparteilich sollten Schulungsangebote im Social Web etabliert werden. Außerdem wäre es möglich, ein ähnlich wie bereits in Österreich angewendetes Polipedia - eine multimediale Wiki-Plattform zu den Themen Demokratie, Politik und Partizipation - auch in Deutschland einzuführen. Auf der österreichischen Plattform hat jeder Besucher die Möglichkeit, sich zum Themenblock Demokratie - Politik - Partizipation zu informieren, zu bloggen, Wiki-Einträge zu verfassen und zu erweitern, Audio- und Videofiles online zu bringen und so fort.
- Problem Zeit:
Die Reaktionszeit der Politiker auf Kommentare, Tweets oder Beiträge in Foren und Blogs ist immer noch deutlich zu lang.
Lösungsansatz: Schuld an den langen Reaktionszeiten sind veraltete Strukturen und langwierige Prozesse, die den Kommunikationsfluss in den Parteizentralen behindern. Politiker müssen aus diesen Gründen erst einmal die eigene Organisation ändern, damit sie ihre Entscheidungen schnell vom gesprochenen Wort in der richtigen Form ins Social Web transportieren können.
- Problem persönliche Kommunikation:
Nutzer merken sehr schnell, ob eine Nachricht vom Politiker selbst oder vom Referenten verfasst wurde. Persönliche Kommunikation ist schwer zu ersetzen
Lösungsansatz: Im besten Fall setzen sich die Politiker selbst mit den neuen Kanälen auseinander, beschränken sich auf einen und nutzen diesen dafür kontinuierlich.
- Problem Einzelkämpfer:
Bisher gibt es innerhalb der etablierten Parteien nur wenige social-web-affine Politiker, die auf netzpolitische Themen mit neu gegründeten Arbeitskreisen, Themenpapieren und Anträgen aufmerksam machen wollen. Gerade die Schwergewichte sucht man beispielsweise bei Twitter noch vergeblich.
Lösungsansatz: Dem Thema Netzpolitik muss innerhalb der Partei mehr Relevanz zugestanden werden. Ansonsten wird es auch in Zukunft als Nebenthema in den tiefen Politik-Gewässern vor sich hin dümpeln.
- Problem Wähler:
Viele Stammwähler der etablierten Parteien nutzen das Internet noch nicht. Es kommt zu einer Spaltung zwischen den "Digitalen Outsidern" und den "Digital Natives". Laut (N)Onliner Atlas 2012 sind von den gut 70,3 Millionen Bundesbürgern über 14 Jahren nur 38 Prozent bereits in der digitalen Alltagswelt angekommen.
Lösungsansatz: Gerade etablierte Parteien mit älteren Stammmitgliedern sollten deshalb bewusst zur richtigen Nutzung von Social Media bewegen und ihre Mitglieder dahingehend erziehen.
- Problem mangelndes Angebot:
Die Universität Siegen beobachtet im Thesenpapier "Web 2.0 - Demokratie 2.0" eine Abkehr von der Zuschauerdemokratie zur Beteiligungsdemokratie. Die Internetnutzer wollen mitreden und suchen im Netz den entsprechenden Kanal, um dies zu tun. Bekommen sie dies nicht, wandern sie ab.
Lösungsansatz: Ausbau der bestehenden Social-Media- und Partizipationsinfrastruktur
- Problem Echtzeit:
Auf Facebook und Twitter, in Blogs und Foren, muss Handeln und dessen Wirkung in Echtzeit überprüft werden. Die Informationsfülle, auf die in Echtzeit eingegangen werden muss, ist unüberschaubar, Tendenz steigend.
Lösungsansatz: Social Media Monitoring.
Vor dem Hintergrund der fünf neuralgischen Punkte und der sieben Knackpunkte der Social Politics bieten sich vier verschiedene Szenarien für die weitere Entwicklung an - je nachdem wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln und wie aktiv Politik und Branche die Probleme angehen.
Vier Szenarien für die Zukunft der Politik 2.0
Direkte, digitale Demokratie
Politische Partizipation ist ein Wettbewerbsvorteil der Parteien untereinander: Transparenz und Teilhabe an Themenfindung, Diskussion und Abstimmung wandert in die politische Alltagskultur. Bürger bestimmen Diskurse in Parteien und politische Entscheidungen aktiv mit - es beginnt mit ausgewählten Entscheidungen zu großen Fragen hier und da, von da wird die Teilhabe des Wählers 2.0 sukzessive in einem Zeitfenster von einem Jahrzehnt ausgebaut. Die Wähler nehmen die Chance zur politischen Teilhabe dankbar an - Demokratie granularisiert sich: Künftig wählen wir unser Parlament nicht alle Jahre, sondern beeinflussen direkt die politische Agenda und stimmen über konkrete Gesetze ab. Der Megatrend Partizipation durchdringt nacheinander auch die Gesellschaft auf wirtschaftlicher, technischer und sozialer Ebene. In den sozialen Netzen findet der Bürgerdialog des Volksvertreters/des Kandidaten mit seinen Wählern statt. Ein großer Bedarf an PR-/ Social-Media-Beratung entsteht, Agenturen, Consultants und Dienstleister der Interaktivbranche profitieren.
Filz und Lobbyismus 2.0
Eine netzaffine Avantgarde versteht die Politik 2.0 für sich zu nutzen, weite Teile der Wähler interessieren sich jedoch nicht für die Chance der Teilhabe oder kapitulieren vor der Komplexität der Herausforderung. Die Wählerschaft zerfällt in die onlineaffinen Influencer und die Nicht-Onliner: Politiker hören in den sozialen Netzen auf die Stimmen der am besten vernetzten Kontakte. Die üben noch eine andere, konkretere Macht aus: Da Abstimmungsplattformen es auch erlauben, Stimmrechte an andere zu delegieren, sammeln die vernetzten Alphatiere Stimmen von Nichtwählern ein und bekommen umso mehr Gewicht. Es entsteht weniger ein digitales Abbild der Demokratie, als ein virtuelles Abbild von Filz und Lobbyismus.
Parlamentarische Digitalität
Bürger dürfen an parteiinternen Diskursen teilnehmen oder auf legislativer Ebene Meinungen beitragen. Die eigentlichen Abstimmungsprozesse in den Parteigremien oder Parlamenten bleiben exklusives Recht der Volksvertreter: Diese sammeln nur verschiedene Standpunkte in Social Media oder auf Beteiligungsplattformen, um abzuklopfen, was die Mehrheitsmeinung ist. Insgesamt bleiben Liquid Democracy und auch die Social-Media-Aktivitäten mehr Demokratie-Placebo als wahrhaftige Teilhabe. Die Politik trennt den Bürger sorgfältig von der endgültigen Machtbefugnis, den Diskurs sorgfältig von der Abstimmung. Dennoch gibt es als positive Effekte einen direkteren Dialog zwischen Bürgern und Politik und mehr Transparenz, die das Verbergen unliebsamer Fakten schwieriger und schwieriger macht.
Digitaler Politikverdruss
Gut gemeinte Versuche der Parteien, den Bürgern politische Partizipation zu erlauben, werden kaum oder gar nicht wahrgenommen. Die E-Democracy stirbt allmählich. Austausch mit den Bürgern bleibt auf ein wenig Social-Media-Dialog beschränkt; dem kommt eher die Funktion des Eigenmarketings für aufstrebende Hinterbänkler zu, und ein paar charismatische Alphatierchen machen auch mit - doch einen deutschen Obama, der wirklichen Social-Media-Enthusiasmus weckt, sucht man ebenso vergebens wie digitale Bürgerbeteiligung.
