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Den Fachkräftemangel besiegen: In elf Schritten zur lernenden Organisation
07.12.2016 Überall in der deutschen Wirtschaft fehlt es an Digital-Experten, der Weiterbildungsbedarf läuft aus dem Ruder. Dabei liegt die Lösung nahe: Unternehmen können den Fachkräftemangel inhouse besiegen. Indem sie lernende Organisationen werden. So geht's.
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Das bedeutet große Änderungen für Unternehmen - und für die Menschen in den Unternehmen. Denn sie stellen zum einen das größte Potenzial, aber manchmal auch die größte Hürde in der Transformation dar. Schließlich geht es bei der digitalen Transformation um die Verbesserung von Ergebnissen und Prozessen durch effektivere Kommunikation. Sowohl die Kommunikation zwischen Menschen, zwischen Mensch und Maschine, aber auch die unter Maschinen. Die Mitarbeiter richtig abzuholen, ihnen immer wieder die notwendigen Skills zu vermitteln und sie sogar als Treiber der digitalen Transformation zu instrumentalisieren, ist aber eine große Herausforderung. Kompetenzausbau, Mitarbeiterbindung und Weiterbildung sind unumgänglich.
Digitalisierung: Warum der Kompetenzausbau so wichtig ist
Der klassische stationäre Handel ist im Hinblick auf seine Logistik, Preisgestaltung und Sortimentsbreite sowie -tiefe auf die Quadratmeter des physischen Geschäfts begrenzt. "Der Umgang mit virtuellen Sortimenten, mit entfernten Kunden (Distanzhandel) und digitalen Abbildungen von Einkaufsvorgängen der Kunden verlangt hingegen ganz andere Qualifikationen", argumentiert Martin Gross-Albenhausen , Stellvertretender Hauptgeschäftsführer im Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) . Mit Nachdruck stellt er dabei klar, dass die damit einhergehenden Herausforderungen sich "nicht schlicht durch die Einstellung eines IT-Mitarbeiters lösen lassen, sondern nur durch die tiefgreifende Auseinandersetzung mit ECommerce-Prozessen und -Tätigkeiten." Auch Maurice Taake vom Shopsoftware-Anbieter Commercetools gibt zu bedenken, dass der Handel heute technologiegetriebener ist. Entsprechend werden gerade im digitalen Handel kontinuierlich neue Werkzeuge und Strategien eingeführt. "Die Effekte von neu entwickelten Technologien werden aber erst mit der Zeit sichtbar. Im Allgemeinen führt das dazu, dass wir heute den Kompetenzausbau eher reaktiv als proaktiv betreiben", erklärt Taake. Dabei gibt es zwei Komponenten: den Mitarbeiter in der Filiale und denjenigen, der hinter den Kulissen Omnichannel weiterentwickelt. E-Commerce als ein Channel initiiert dabei oft den eigentlichen Paradigmenwechsel von "Store only" zu Omnichannel. Für Taake ist dabei klar, dass nicht "außer Acht gelassen werden darf, dass auch Filialmitarbeiter verstehen müssen, wie die einzelnen Handelskanäle zusammenspielen" - selbst wenn sie primär im traditionellen Handel verwurzelt sind."Was die Digitalexperten betrifft, habe ich in den letzten Jahren viel Learning-by-Doing-Ansätze auf Kundenseite erlebt", so die Erfahrung von Maurice Taake. Er plädiert dafür, stärker auf kontinuierlichen und auch proaktiven Kompetenzausbau zu setzen. "Eine Omnichannel-Strategie zu entwerfen funktioniert meist noch ganz gut, aber bei der Umsetzung wird es dann oft aufgrund fehlenden Hintergrundwissens schon schwierig."
Der Kompetenzausbau wird beim Onlinehändler Otto ganz groß geschrieben. Er ginge mit "entscheidenden Neuerungen in der Aufbauorganisation einher", verrät Unternehmenssprecher Frank Surholt . Unter der Strategie "E-Commerce ist unser Tagesgeschäft" wurden bei den Hanseaten "wesentliche Teile des Einkaufs und Vertriebs unter einem Vorstand gebündelt, um Schnittstellen zu bereinigen und klare Verantwortlichkeiten zu definieren." Mit diesen Schritten wurden die ECommerce-Kompetenzen in der gesamten Organisation gestärkt. Otto hat dazu ein Qualifizierungskonzept angelegt, "mit dem Ziel, jeden Mitarbeiter optimal auf die durch die Neuorganisation geänderten Aufgaben und Herausforderungen vorzubereiten." Die Qualifizierungen erfolgten durch allgemeine (Grundlagentrainings) sowie spezielle Schulungen (Fachtrainings) zum Thema E-Commerce durch interne und externe Spezialisten, durch Fachvorträge und Veranstaltungen sowie kollegiales Coaching am Arbeitsplatz.
Bei Otto ist man überzeugt, dass der eigene Unternehmenserfolg nur darauf zurückzuführen ist, "weil wir gut ausgebildete Mitarbeiter haben, die sich konsequent weiterbilden und -entwickeln."
Welche Kompetenzen inhouse abgebildet werden müssen
Der Handelskonzern Otto kann mittlerweile nahezu alle Kompetenzen inhouse umsetzen, "daran haben wir in den vergangenen Jahren ganz bewusst hart gearbeitet, um unabhängiger von externen Dienstleistern zu sein." Otto sieht sich dadurch für die Zukunft flexibler aufgestellt, da man auf neue Entwicklungen viel schneller reagieren kann. "Wir müssen so unser wertvolles Knowhow auch nicht teilen."Selbstverständlich kann sich das nicht jedes Unternehmen leisten. Crosschannel-Händler Lodenfrey etwa hat 2009 begonnen eine Onlinestrategie zu entwickeln und ist 2010 mit dem Shop live gegangen. Zuerst mit einem externen Partner ab 2012 hat man dann alle Prozesse ins Haus geholt. "Mit diesem Schritt wurden auch Experten in allen Bereichen angeworben. Alle Kernbereiche wie Technologie, Data Management, Logistik und Social Media wurden laufend mit neuen Kollegen unterfüttert und ausgebaut", verrät Ralf Mager, Head of E-Commerce & Online-Marketing bei Lodenfrey. Lediglich die Shopentwicklung und das Marketing übernimmt eine Agentur.
Nach Einschätzung von Gross-Albenhausen übernehmen viele der echten Pure Player alle Prozesse selbst - bis hin zur Gestaltung des Shops und Programmierung der technischen Plattform. "Das Gros der klassischen Händler, die in den E-Commerce expandieren, kaufen hingegen Standardkomponenten zu und lassen diese mangels qualifizierten Mitarbeitern von Agenturen ausgestalten", erklärt er. Auch die Logistik werde häufig ausgelagert, "wohingegen wir in letzter Zeit immer mehr Insourcing von Marketingaktivitäten auch bei Multichannel-Händlern sehen."
Für Maurice Taake gilt grundsätzlich der Satz: "Gib niemals eine Kernkompetenz aus dem Haus, in der du intern nicht ausreichend Erfahrung gesammelt hast." Eine Einschränkung liege hierbei in "Projekterfahrung" etwa bei der Nutzung bestimmter Werkzeuge beispielsweise beim Aufbau eines Onlineshops. So hat Taake die Erfahrung gemacht, "dass umfassendere Kompetenzen auf Händlerseite aber noch in zahlreichen grundlegenden Feldern des Omnichannel-Handels fehlten".
Fehlende Aus- und Weiterbildungsoptionen im E-Commerce
"Zwar gibt es Fortbildungen, aber diese kosten viel", bringt es Gross-Albenhausen auf den Punkt. Der Branche fehle eine Übersicht der Hochschulangebote mit ECommerce-Schwerpunkten. Auch startet der Ausbildungsberuf zu "E-Commerce-Kaufleuten" erst 2018. (ECommerce-Ausbildung: Onlinehändler wird anerkannter Lehrberuf). "Deshalb bemühen sich viele Händler, ihre Mitarbeiter mit Bordmitteln zu schulen", so Gross-Albenhausen. Aber auch im Berufsleben gebe es noch zu wenig Weiterbildungsprogramme bei den Händlern selbst. "Benötigte digitale Kompetenzen werden oft erst Learning by Doing in aktuellen Projekten erworben", erklärt Taake. Aber Trainingsmaßnahmen bei Händlern greifen oft "mehr reaktiv statt proaktiv." Hier stütze man sich zu sehr allein auf die schulische und akademische Ausbildung, die aber der schnellen Technologieveränderung weit hinterherhinkt.
Perspektiven bieten
Für Maurice Taake ergibt sich der hauptsächliche Anreiz, sich für einen Arbeitgeber im Handel zu entscheiden, "sicher aus der Nähe zum Geschehen, Projekte werden greifbar und man ist als digitaler Mitarbeiter beteiligt am Entstehen, Erfolg ist unmittelbar, die Tätigkeit breiter, weniger spezialisiert." So ist der Markt stark umkämpft, buhlen Händler und Dienstleister gleichermaßen um qualifizierte Mitarbeiter. "Nicht alle Digitalexperten mögen aber beispielsweise die starke Spezialisierung, die auf Dienstleisterseite oft vorherrscht", meint Taake.Für Martin Gross-Albenhausen heißt die Perspektive, die Unternehmen den heiß umworbenen Spezialisten bieten können: Gestaltungsspielraum! Allerdings stellt sich hier die Frage für Gross-Albenhausen: "KÖNNEN Händler das, denn dass sie dies MÜSSEN, ist unstrittig". Denn während man im Marketing nicht viel Geld brauche, um Erfolg zu haben, wie es etwa das Targeting zeige, sieht das bei der Mitarbeiterbindung ganz anders aus: Spaß und Erfolg im E-Commerce seien längst auch eine Frage des Geldes, so Martin Gross-Albenhausen: "Nicht unbedingt des Gehaltes, aber der Investitionswilligkeit und der Budgets auf jeden Fall". Ralf Mager berichtet, "der Anreiz in einem Traditionsunternehmen die Zukunft zu gestalten, ist groß". Im Online-Bereich bei Lodenfrey gewinne man in alle Bereiche des Unternehmens Einblicke und dürfe diese mitgestalten. "Das Aufgabenfeld ist so umfangreich und der Job wird nie langweilig", freut sich Mager.
Auch bei Otto heißt die Perspektive Gestaltungsspielraum, aber auch individuelle Entwicklung: "Talentmanagement wird bei Otto als Führungsaufgabe verstanden, gerade Spezialisten sollen hier einen besonderen Augenmerk erhalten", erklärt Surholt. Mit einem Fachkarrieremodell solle dieser Zielgruppe in ihrer Weiterentwicklung und Sichtbarkeit Rechnung getragen werden. Außerdem bietet man Trainingsangebote, die von Fachqualifizierungen, Persönlichkeits- und Managementseminaren über spezielle Führungskräfteprogramme bis hin zu speziellen IT- und Sprachtrainings in der hauseigenen Otto-Akademie reichen. Darüber hinaus bietet Otto moderne und flexible Arbeitswelten, u.a.:
- flexible Arbeitszeitgestaltung (Gleitzeit, FlexOffice, Teilzeit, Jobsharing, Sabbatical)
- moderne Arbeitsplatzgestaltung im Zuge von SPACE
- Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Wiedereinstieg nach Elternzeit, Führung in Teilzeit),
- Kinderzimmer, Väternetzwerk, Ad-hoc-Betreuung, Kinder-Ferienprogramm, Elder Care)
- agiles Projektvorgehen
- kollaboratives Arbeiten (z.B. durch Nutzung eines Social Intranets)
Wie wichtig es ist, die Personalkomponente im Blick zu haben, betont auch Willms Buhse , Geschäftsführer der Managementberatung doubleYUU : "Es wird unterschätzt wie wichtig es ist, mehr in die Leute zu investieren." So müssen sukzessive immer mehr Mitarbeiter geschult werden. "Wie ein Durchlauferhitzer", liefert Buhse ein passendes Bild. Für ihn steht fest: Die Veränderungsenergie im Unternehmen zu nutzen, sei besser als eine Hurra-Weiterbildung mit Reise ins Silicon Valley. "Training on the job" und agile Workshopformate lautet aus Sicht Buhses die richtige Formel.
Elf Strategien, wie Unternehmen selbst tätig werden können
Die digitale Transformation verlangt maximalen Einsatz, von Unternehmen wie von deren Mitarbeitern. Digitale Technologien beschleunigen den Fortschritt und machen stetige Änderungen nicht nur möglich, sondern in vielen Fällen auch notwendig. Denn das Umfeld ändert sich schneller, die Gewohnheiten der Kunden und auch die Konkurrenten kommen - und gehen - durch den stetigen digitalen Fortschritt mit höherer Frequenz.Mitarbeiter müssen motiviert, informiert und auf neue Techniken, Programme und Arbeitsweisen geschult werden. So ist es Aufgabe des Unternehmens, die Mitarbeiter zu transformieren, ihnen stetig die neuesten und wichtigsten Informationen und Skills zu vermitteln. Und das Unternehmen langfristig in einen selbstlernenden Organismus umzuwandeln. Der Weiterbildungsbedarf droht aus dem Ruder zu laufen. Es sei denn, man hat den richtigen Masterplan. Elf Strategien zeigen, wie ein selbstlernendes Unternehmen funktioniert und wie man Mitarbeiter dazu bringt, die digitale Transformation selbstständig voranzutreiben:

