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Die dreidimensionale Währung: Mit welchen Metriken künftig im Web gemessen wird

02.12.2010 Das Mitmach-Web macht bekannte Messgrößen des Internets obsolet. Der Blick auf soziale Netzwerke macht klar: Eine neue Währung mit dritter Dimension muss her. Welchen Messgrößen die Zukunft gehört, zeigt die Analyse.

 (Bild: HighText Verlag)
Bild: HighText Verlag
 (Bild: HighText Verlag)
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Was ist ein Nutzer auf Facebook   wert? Und wie wertvoll ist der Nutzer, der ausführliche Produktrezensionen auf Amazon   schreibt, aber in dieser Zeit keine Einkäufe oder sonstige Aktivitäten tätigt? Das Web hat sich geändert - das Verhalten der Nutzer hat sich geändert. Alte Messgrößen, die einst die harten Währungen im Netz waren, verlieren an Bedeutung.

Die Frage aller Fragen: Was ist ein Kunde wert?

Unlängst hat beispielsweise die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern   die Page Impression zugunsten der Visits entwertet - ein Indikator dafür, dass bei den Messgrößen etwas in Bewegung ist. Die gleiche Tendenz zeigten die zweifelhaften Versuche an, den Wert eines Fans  auf Facebook in Dollar und Cents umzurechnen. Wieso zweifelhaft? Unterschiedliche Studien tischten hier Werte mit Preisunterschieden zwischen drei und knapp 140 Dollar auf.

Messgrößen gibt es viele - doch was ist die neue Währung im Web? Für Publisher, Agenturen, Vermarkter und Advertiser wird es eine vitale Fragestellung sein, wie sich der Wert eines Nutzers künftig ermitteln lässt. Der Trend lautet klar: Weg von der rein quantitativen Betrachtung, hin zum dreidimensionalen Bild des Kunden. Jenseits von Seitenaufrufen rückt der Nutzer als aktives Individuum in den Mittelpunkt. Die iBusiness-Übersicht zeigt an, inwiefern Messgrößen den künftigen Herausforderungen des Webs gewachsen sind und welche Metriken uns in Zukunft begegnen werden.


Webwährungen im Überblick
Page-Impressions (A):
Zahl der Aufrufe einer speziellen Seite innerhalb einer Website

Verwendung:
IVW  

Vorteil:
Werbetreibende erfahren, wie oft eine Website mit ihrem Werbemittel aufgerufen wurde

Nachteil:
Viele der aufgerufenen Seiten sind für Werbemittel uninteressant, weil es bloße Durchgangsseiten sind, mit komplizierten Seitenstrukturen lässt sich die PI-Zahl künstlich hochtreiben (z.B. mit Fotogalerien)

Relevanz:
Der inflationäre Anstieg der Webseiten entwertet die einzelne PI als Währung auf der einen, die niedrige Klickrate auf der anderen Seite

Trend:
Als Standard zunehmend irrelevant mit Tendenz gegen Null

AdImpressions (A):
die Zahl der Auslieferungen eines Werbemittels (z.B. Banner) auf einer Seite

Verwendung: Google Adwords  

Vorteil:
In Verbindung mit Werten wie den Klickraten oder Unique Visitors erlauben AIs gute Aussagen über die Effizienz einer Anzeige

Nachteil:
Nur die Auslieferung wird gemessen, nicht die Sichtbarkeit, liefert kaum Aufschluss darüber, wie sich eine Ad optimieren lässt oder wie hoch das maximale Volumen an Ads ist, das ich dem Nutzer pro Seite zumuten kann

Relevanz:
Mediaplaner und Vermarkter können die Potenz ihrer Seite in ausgelieferten AdImpressions angeben; bei gutem Zielgruppen-Targeting attraktiv

Trend:
gleichbleibend

Clicks (A):
Klicks auf einen Banner oder Link

Verwendung:
Google Adwords

Vorteil:
Zählt Aktionen des Nutzers, abgebrochene Ladevorgänge fliegen aus dem Reporting raus

Nachteil:
Anfällig für Verzerrungen: Nutzer, die mittels Bookmark oder URL-Direkteingabe kommen, werden nicht gezählt, Fehlklicks werden mitgezählt

Relevanz:
Keyword-Advertising, CpC-Kampagnen

Trend:

Fallend mit der Etablierung qualitativer Währungen

Kontakt (A):
PIs, die sowohl eine wesentliche Veränderung einer Seite herbeiführen als auch nutzergeneriert sind

Verwendung:
AGOF  

Vorteil:
Näher an der realen Performance einer Seite, da partielle Änderungen einer Seite und automatische Weiterleitungen nicht als Aktionen gezählt werden

Nachteil:
Trotz etwas geringerer Anfälligkeit grundsätzlich wie bei der PI, rein quantitative Währung

Relevanz:
TKP-basierte Kampagnen

Trend:
Fallend mit der Etablierung qualitativer Währungen

Seitenaufruf (A):
Aufrufe einer Inhaltsseite mit HTML-Code

Verwendung:
Veraltet

Vorteil:
Seitenaufrufe machten die Zahl von Werbeabrufen in den Anfangstagen des Webs quantifizierbar

Nachteil:
Hoffnungslos verzerrte Zahlen: ruft der Nutzer eine Seite mit fünf Frames auf, hat er fünf Seitenaufrufe getätigt

Relevanz:
Werbekunden konnten so Webseiten-Potenzial einschätzen, nunmehr veraltet

Trend:
Instrument der Vergangenheit

Visit (C):
Nutzung einer Seite innerhalb eines bestimmten Zeitraums, gilt als beendet, wenn der Nutzer eine neue Site aufruft oder eine Zeit lang inaktiv bleibt, nach 30 Minuten ohne PI in der Regel beendet

Verwendung:
IVW

Vorteil:
Durchgängige Nutzung wird abgebildet

Nachteil:
Technisch anfällig für Manipulationen, keine Abbildung der Aktivität: Klicks, Absprünge nach kurzem Visit und Gesamtbesuchszeit einer Seite werden nicht oder unzureichend berücksichtigt

Relevanz:
Performance und Leadkampagnen, das IVW will den Visit beibehalten, die Marktforschung ist aber bereits weiter und liefert komplexere Daten über die Nutzer-Aktivität

Trend:
Fallend


Kategorie-Visit (C):
Wie Visit - nur innerhalb einer inhaltlich definierten Unterkategorie einer Seite: zum Beispiel Automobil-Teil einer Tageszeitungs-Präsenz

Verwendung:
IVW

Vorteil:
Durchgängige Nutzung wird abgebildet - darüber erlaubt der KV die Schwerpunktbildung innerhalb des gesamten Visits

Nachteil:
Keine Abbildung der Aktivität: Klicks, Absprünge nach kurzem Visit und Gesamtbesuchszeit einer Seite werden nicht oder unzureichend berücksichtigt

Relevanz:
Performance und Leadkamapagnen

Trend:
An die Bedeutung des Visits gekoppelt, fallend

Visitor (C):
Besuche innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens von ein- und denselben Nutzer

Verwendung:
Google Analytics  

Vorteil:
ermittelt wie viele Nutzer ich erreiche und lässt gültigere Aussagen über Reichweite zu, als beispielsweise der Visit

Nachteil:
Abhängig vom Zeitrahmen sehr unterschiedliche Resultate: Bei monatlicher Zählung generiert eine Seite deutlich weniger Visitor als bei täglicher, denn Wiederkehrer werden seltener gezählt

Relevanz:
Werbekundenrelevant, feste Größe bei der AGOF

Trend:
stabil - die IVW hat unlängst die PIs zugunsten der Visits abgewertet


Session (C):
Nutzung einer Seite innerhalb eines definierten Zeitraums - nahe am Visit nur ohne ein vorgeschriebenes, zeitliches Limit: Ende bei Verlassen der Seite, Ausschalten des PCs

Verwendung:
Veraltet

Vorteil:
Session läuft weiter, auch wenn der Nutzer nicht aktiv wird: Bildet somit auch Textlektüre ab oder wenn der Nutzer ein Video ansieht

Nachteil:
Misst auch Kaffeeholen und das Gassigehen mit dem Hund als Session, solange die Website geöffnet ist

Relevanz:
Website-Gestaltung: war als Vorläufer des Visits Index für die Attraktivität einer Seite

Trend:
Veraltet

Unique Client (A):
ein Rechner oder Browser als Zugangsportal zum Internet wird gezählt

Verwendung:
AGOF

Vorteil:
erfasst, von wie vielen Computern aus auf meine Seite zugegriffen wird

Nachteil:
Firewalls erschweren die Identifizierung von Clients; Computer oder Browser sind nicht mit Nutzern gleichzusetzen: Der von fünf Menschen genutzte PC zählt nur einfach

Relevanz:
Rechengrundlage für die Ermittlung von Unique Usern (siehe unten) - marktforschungstechnisch eher uninteressant

Trend:
Als Rechenbasis fest an die Unique User gekoppelt, gleichbleibend

Unique User/Unique Visitors (A):
der Nutzer als physisches Individuum

Verwendung:
AGOF

Vorteil:
Erlaubt wie keine andere Währung die Aussage, wie viele verschiedene Nutzer ich erreiche - unabhängig von der Zahl der verwendeten PCs oder Browser: Es geht um Menschen; damit macht es die Onlineforschung vergleichbar mit der Logik der klassischen Medien

Nachteil:
Kostenintensiv: Für die Ermittlungen der UUs sind Online-Befragungen und Telefoninterviews nötig, um die Nutzer zu identifizieren; außerdem ist das Zählen von Köpfen eher ein Instrument der klassischen Medienanalyse und latent obsolet

Relevanz:
Mediaplaner und große Agenturen

Trend:
Gleichbleibend hoch; bei einer Erweiterung der Nutzerdaten um individuelle Profile, die eine Targeting-Option eröffnen, sogar steigend

Reichweite (A):
Anteil der Bevölkerung mit Netzzugang (Unique User), die eine Seite besuchen

Verwendung:
AGOF

Vorteil:
das Online-Pendant zu den Zuschauerzahlen erlaubt es, digitale Werbemittel so einzusetzen, dass sie eine definierte Anzahl von Menschen erreichen

Nachteil:
nur relevant für große Websites, keine qualitativen Aussagen über die Intensität und Länge der Nutzung

Relevanz:
Feste Kopplung an die Bedeutung der Messgröße Unique User - mit einem Bedeutungsverfall der UU sinkt auch hier die Relevanz

Trend:
Als rein quantitatives Instrument: sinkend

Verweildauer (B):
Aufenthalt des Nutzers auf einer einzelnen Unterseite: PI mal Zeit = Verweildauer; manchmal wird auch der Aufenthalt auf der gesamten Site gemessen

Verwendung:
AGOF

Vorteil:
Die Integration der Zeitachse lässt Aussagen darüber zu, ob der Nutzer relevanten Content gefunden hat

Nachteil:
Schließt der Nutzer den Browser nicht oder macht ein neues Fenster auf, steigt die Verweildauer ohne wirkliche Beschäftigung mit dem Content

Relevanz:
Die AGOF bildet Verweildauern ab - interessant für Werbekunden

Trend:
Tendenz steigend - auf mehrere Jahre hin aktuell

WebValueIndex (D):
Erfasst in etwa 15.000 Haushalten die Internetnutzung, misst Retention, Power User, Bounce Rate oder Page Impressions

Verwendung:
GfK-Gruppe  

Vorteil:
ermöglicht sehr individuelle Aussagen über die erfassten Webseiten, lässt unabhängig von der Reichweite einer Site Vergleiche mit Mitbewerbern zu

Nachteil:
wie die Web-Performance eher ein Beratungsprodukt als eine harte Währung

Relevanz:
Publisher, Websiten-Optimierung

Trend:
Als Versuch einer neuen Metrik interessant, aber zu geringe Verbreitung und Bekanntheit in der Branche; daher sinkend


WebXF-Webperformance (D):
Misst verschiedenen Indikatoren wie Reichweite einer Seite, Image, Nutzeranfragen und die Mail-Response der Seitenbetreiber darauf - die Daten kommen aus einem Netzwerk teilnehmender Seiten und werden vom WebXF-Forum ausgewertet

Verwendung:
Web-Excellence-Forum  

Vorteil:
erzeugt einen Querschnitt durch verschiedene Währungen

Nachteil:
eher ein weiches Beratungsprodukt als eine harte Währung, mangelnde Bekanntheit/Verbreitung

Relevanz:
Verschiedene Shops haben das System zeitweise adaptiert, zur Websiteoptimierung noch bei mehreren großen Automobil-, Versicherungs- und sonstigen Konzernen im Gebrauch

Trend:
Wurde teilweise aufgegeben oder nicht weiter adaptiert; daher: sinkend

Attention-Time (B):
Anzeigedauer eines Werbemittels, während der Nutzer auf der Seite ist - anders als Session oder Verweildauer auf das Banner/Display etc. fokussiert

Verwendung:
noch keine breite Verwendung, aktuell erste Nutzungen auf Publisher-Seite

Vorteil:
Bei wechselnden Bannern lässt sich jedem die individuelle Anzeigedauer zuordnen; Werbung wird zeitlich bewertbar

Nachteil:
Wurde das Banner überhaupt gesehen? Außerdem wird nur die Verweildauer zwischen zwei Klicks (=Cookies) gemessen. Verlässt der Nutzer die Seite über eine URL-Eingabe bleibt die letzte Strecke unerfasst

Relevanz:
Noch keine/kaum Nutzung - ist als Argumentationsbasis für Publisher interessant und könnte sich von dort aus zu den Agenturen hin durchsetzen

Trend:
Ab kommendem Jahr ansteigend - wird in zwei bis drei Jahren im Markt angekommen sein

Involvement-Index (D):
Aktivität des Nutzers; Verfasste Mails, bewertete Produkte, Kontaktepflege, Postings und Blogs mit Freunden etc.

Verwendung:
Künftig in sozialen Netzwerken und werbeintensiven Seiten

Vorteil:
Verhalten des Kunden wird abgebildet, macht den Index attraktiv für Communities

Nachteil:
Wegen der Vielzahl an Bewertungskriterien schwierig zu standardisieren und aufwendig zu messen

Relevanz:
Shops, soziale Netzwerke und Communities mit hoher Werbe-Aktivität

Trend:
In den kommenden zwei bis drei Jahren zunehmend relevanter

Social-Networking Index (D):
Die soziale Vernetzung des Nutzers anhand seiner Kontakte und Freunde in sozialen Diensten

Verwendung:
Wird erst akut, wenn technische Machbarkeit und einheitliche Maßstäbe konkreter werden

Vorteil:
Abbildung des Nutzers als Multiplikator; eine Seite würde nicht rein quantitativ (Besucherzahl), sondern auch qualitativ bewertet (soziales Potenzial der Besucher)

Nachteil:
Noch weit entfernt davon, eine Währung zu sein, weil schwer in Messgrößen übersetzbar; Besucher müssten aufwendig sozial qualifiziert werden; technische Machbarkeit noch fraglich

Relevanz:
Shops, Social Media, E-Commerce

Trend:
In den kommenden drei Jahren stark ansteigend


Trend eins: Marktforschung wird dreidimensional

Die Webwährungen der Zukunft sind Metriken mit einer dritten Dimension, die aus dem Onlineverhalten mehr machen, als nur die ausgelieferten Seiten oder Banner auf einer Zeitachse zu notieren. Der Nutzer als komplexes interaktives Wesen, seine soziale Potenz in Netzwerken oder seine tatsächliche Auseinandersetzung mit Werbeinhalten werden erfasst und gewertet. Denn genau das ist die Stärke des Internets: Nirgendwo sonst findet die datenhungrige Marktforschung so viel Futter.

Sind aktuell Zeit und Häufigkeit die zwei Dimensionen einer Währung, so ist die dritte der Wert der Kunden für eine bestimmte Seite: Was diesen Wert ausmacht, ist unterschiedlich: Im sozialen Netzwerk macht ein hoher Social-Networking-Index die Nutzer zu idealen Multiplikatoren für Werbeangebote, ein Onlineshop wird daran interessiert sein, seinen Involvement-Index zu steigern, der die Auseinandersetzung mit Produkten anzeigt.

Trend zwei: Webanalytics und Webwährungen wachsen zusammen

Damit werden sich die beiden Facetten der Online-Marktforschung: die Reichweitenmessung externer Systeme und die interne Webanalyse in Zukunft immer stärker miteinander vernetzen und letztlich ununterscheidbar werden. Aus der dritten Dimension der Reichweitenmessung lassen sich auch intern viele Anhaltspunkte für die Optimierung der Seiten gewinnen.

steht in der Übersichtstabelle. (Bild: HighText Verlag)
Bild: HighText Verlag
steht in der Übersichtstabelle.

Zeitgleich unterstützt mich die qualitative Dimension der gleichen Währung in meiner Offpage-Optimierung. Sie gibt Auskunft darüber, wo im Web ich weitere Interessengebiete meines Nutzers lokalisieren kann, wo ich ihn abholen oder über soziale Kontakte erreichen kann. Ist er sozial aktiv, werde ich mein Offpage-Augenmerk sozialen Netzwerken zuwenden, während ich als Onpage-Maßnahme Kanäle einbaue, über die er beispielsweise andere Nutzer ansprechen, Empfehlungen aussprechen oder seinen Status melden kann. Die neuen Währungen machen Online-Marktforschung - extern wie intern - zur einheitlichen und ganzheitlichen Aufgabe, liefern zudem die benötigten Anhaltspunkte für meine Maßnahmen.

Trend drei: Qualität statt Quantität

Der Blick auf die Übersicht zeigt: Noch dominieren quantitative Messmethoden die Metriken. Darin spiegelt sich die schon längst veraltete Denke aus dem TV-Werbezeiten-Verkauf wieder, die eins zu eins auf das Web übertragen wird: Viele Zuschauer sind gut = Viele Nutzer sind gut. Doch dummerweise sind Nutzer keine Zuschauer: Nutzer sind aktiv und verlangen progressive Metriken.
Thema: Die dreidimensionale Währung: Mit welchen Metriken künftig im Web gemessen wird

Kommentar von Sebastian Halm

Die Währungen wechseln, bevor sie nichts mehr wert sind

Doch, es gibt einen Unterschied zwischen TV und Internet-Werbung. Dieser kleine Unterschied hat große Folgen.

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