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Marketing-Zukunft: Wie der Werkzeugkasten 2020 aussieht
15.07.2011 Das Onlinemarketing wird seinen Werkzeugkasten entrümpeln: Grobe Instrumente fliegen raus, die Zukunft gehört der Feinmechanik. SEO, SEA und Display verlieren, dialogische, granularste Arbeitsmittel gewinnen. Auch neue Messinstrumente kommen ins Sortiment. Marketing wird kleinteiliger, komplizierter - aber auch effektiver und genauer. Ein Blick auf die Evolution des Medienmixes.
Der Grund dafür ist, dass Suche zunehmend personalisiert wird und in die Walled Gardens der sozialen Netze wandert. Das durch klassisches SEO nicht beeinflussbare Empfehlungsmarketing gewinnt die Oberhand. Suche wird sozial: Die Verschmelzung von Suchmaschine und sozialem Netzwerk findet bereits statt. Sie zeichnet sich besonders deutlich ab im Start von Google Plus , dem Social Network des Suchmaschinenriesen. Die sozialen Nutzerprofile und die mittels +1-Button ge-like-ten Seiten werden von Google mit deutlichen Ranking-Vorteilen in den SERPs belohnt. SEO-Mechanismen greifen immer weniger, wenn es darum geht, auf dem Radar des Nutzers aufzutauchen.
Das zeigen die SEO-Trends bis 2016: Andere Nutzer und mittels Klick abonnierte Dienste übernehmen die tägliche Information - ein Großteil der US-Jugendlichen bezieht seine alltägliche Information aus dem individuell konfigurierten Stream des sozialen Netzwerkes, die Verlierer dieser Aufmerksamkeitsverengung sind Webseiten und Suchmaschinen.
Relevanz und Individualisierung sind die Megatrends
Die Megatrends, die bestimmen, welchen Anforderungen Werbewerkzeuge künftig gehorchen müssen heißen "Relevanz" und "Individualisierung". Konkret wird das für die Marketingkommunikation der Zukunft verschiedene Konsequenzen haben:- Der Nutzer sitzt am Steuer:
Bisher einseitig geführte Werbemittel müssen in Zukunft mehr und mehr dialogische Funktionen eingebaut erhalten. Der angesprochene Nutzer erhält Gelegenheit zu Blockade der Werbemittel und zu Interaktion mit dem Content.
- Micro-Targeting:
Die Ansprache wird granularisiert und auf Echtzeit-Geschwindigkeit beschleunigt. Vor allem mobile Endgeräte erlauben die situations- und verhaltensbezogene Aussteuerung der Werbemittel.
- Targeting goes Offline:
TV und Radio gewinnen durch die zunehmende Digitalisierung die Potenziale des Online-marketings hinzu. Klassische Offlinemedien werden die Inhalte, Länge und das Timing der Werbebotschaften auf den einzelnen Nutzer herunterbrechen können.
- 3D-Metriken:
Qualität rückt anstelle der Quantität ins Zentrum der Kundenmessung. Metriken wie die Einschaltquote werden obsolet. Medien mit wenigen, sozial stark vernetzten Kunden können genauso viel Aufmerksamkeit generieren wie Kanäle mit zahlreichen, aber weniger vernetzten Nutzern.
- Active Profiling:
Die Werbeindustrie wird an die Nutzer herantreten und zur aktiven Bereitstellung von Nutzerdaten animieren - Gegenleistungen wie Erstzugriffe, Gutschriften oder soziales Prestige sind die auszuzahlenden Gegenwerte. Besonders einflussreiche Linkerati, Blogger und Influencer werden die maßgeblichen Einfallstore, durch die die Werbebotschafter an die Internetgemeinde herantreten.
- Echtzeit:
Advertising wird künftig in Echtzeit abgewickelt: In Echtzeit werden die Preise für Ad Impressions gehandelt und in Echtzeit werden die Nutzer mittels Advertising angesprochen, je nachdem wo sie sich befinden, woher sie kommen und was sie suchen - das aus dem Real Time Bidding bekannte Prinzip setzt sich auf breiter Marketingebene durch.
Wie sich diese Trends konkret auf den Alltag der Nutzeransprache auswirken werden, lässt sich am besten auf ein Beispiel projizieren.
Ein Tag im Jahr 2020: Der Weg eines Nutzers durch seine Werbeumwelt
Nutzer Philip K. hat sich aus dem Bett geschält und sein Frühstück gegessen - auf dem Weg zum Auto zieht er eine der letzten, noch publizierenden Zeitungen aus dem Briefkasten. Ein wöchentlich erscheinendes, kostenloses Magazin mit starker lokaler Prägung: Abgedruckt sind kurze Geschichten aus dem Stadtteil, in dem Nutzer Philip K. lebt. Die Geschichten werden aus Nutzer-Content online in sozialen Netzwerken generiert. Manchmal eine simple Aggregation von Kommentaren zu relevanten Themen für die Anwohner: Gebührenerhöhungen, Sauberkeit, Sicherheit und so fort.Ein paar lokale Anzeigen stehen drum herum, wichtig ist aber vor allem der Hinweis auf die Präsenz der Zeitung in den sozialen Netzen - hier können ausführliche Fassungen der Lesergeschichten gelesen, bewertet und kommentiert oder eigene Geschichten eingereicht werden. Da Nutzer Philip K. sich persönlich registriert hat, bekommt er vom Postboten sogar eine Ausgabe, in der eine der Seiten für ihn individualisiert wurde. Mass Customization ist derart Mainstream geworden, dass der Druck individueller Ausgaben keine Kostenfrage mehr ist.
Und so finden sich in der Ausgabe von Philip K. Hinweise zu den Bauarbeiten an der U-Bahn-Haltestelle gegenüber, ein Gruß von einem Google-Plus-Kontakt sowie ein Werbehinweis eines Sponsors: In diesem Fall ein Taxi-Unternehmen, denn die U-Bahn hat ja wegen der Bauarbeiten Ausfälle zu verzeichnen, da ist die Anzeige optimal platziert (und sie kostet das Taxi-Unternehmen fast nichts, da nach Einzelkontakt abgerechnet wird).
Eingesetzte Technik: personalisierter Content
Vorform heute im Einsatz: Flipboard als virtuelle personalisierte Zeitung, Twournal
einsatzbereit ab: ca. 2013 bis 2015
verknüpft via: Social Media
Auf dem Weg zum Auto wechselt der Bildschirm eines digitalen Getränkeautomats die Anzeige: Da Philip K. ein 40 Jahre alter Mann ist, der mit schlurfendem Schritt recht langsam Richtung Süden läuft, wie die integrierte Kamera erkennt, ist er bestimmt für einen Kaffee dankbar - also zeigt das Display des Automaten nun Kaffeesorten statt Cola.
Eingesetzte Technik: elektronisches Profiling
Vorform heute im Einsatz: Intelligente Automaten der Firma NEC , die in geringer Stückzahl bereits bei der japanischen Eisenbahngesellschaft Verwendung finden
einsatzbereit ab: ca. 2013
verknüpft via: Objekterkennung, Scanner
Kaum losgefahren, gerät Philip K. in den üblichen Rushhour-Stau.
Das Navigationssystem leitet die Information an das Radio weiter, das ein - anhand des teuren Automodells getargeten - Gewinnspiel aus dem Premium-Produkt-Segment ausspielt, bei dem Philip K. über die Eingabetasten des Displays Quizfragen beantworten kann.
Im Büro tummelt sich Philip K. in seinen üblichen sozialen Netzen und erhält unter anderem eine Empfehlung für ein nahegelegenes Restaurant (mit entsprechendem beigefügtem Mobile-Coupon) von einem Kollegen, der in der Nähe arbeitet. Philip K. entschließt sich jedoch, alleine zu essen. Gegenüber des Büros befinden sich gleich eine Handvoll Restaurants. Philip K. scannt die Umgebung mit seiner Augmented-Reality-Couponing-App auf Sonderangebote ab, entscheidet sich für ein Lokal, der eingelöste Coupon wird automatisch ans soziale Netzwerk weitergepostet - löst ein Kontakt von Philip K. den gleichen Coupon ein, sammelt Philip K. dafür Bonuspunkte oder Credits ein.
Eingesetzte Technik: Augmented-Couponing
Vorform heute im Einsatz: Mobile Couponing
einsatzbereit ab: ca. 2018
verknüpft via: Coupon-Hoster, Coupon-Suchmaschine
Nach dem Essen arbeitet Philip K. noch ein wenig - die Online-Ads, die er im Internet zu Gesicht bekommt, sprechen ihn namentlich an, in Bildmotiven und Video-Advertisements ist sein Gesicht eingearbeitet. Die weiblichen Models in den Anzeigen entsprechen dem Schönheitsideal, das diejenigen besitzen, die er schon früher angeklickt hat.
Eingesetzte Technik: Digitale Anprobe
Vorform heute im Einsatz: Virtuelle Spiegel
einsatzbereit ab: cirka 2012
verknüpft via: Augmented Reality
Eine Brille, die ihm gefällt, probiert er gleich mittels Webcam virtuell am Rechner an. Was ihm am Modell gefällt, kommentiert er in einem dafür vorgesehen Dialogfeld der Anzeige und wünscht sich, das Modell in einer anderen Farbe vorgeführt zu bekommen, außerdem sollen die Brillenbügel etwas massiver gestaltet sein. Gut so - er bestellt das individuell auf ihn maßgeschneiderte Produkt.
Eingesetzte Technik: Mass Customization
Vorform heute im Einsatz:
- Bedruckte Accessoires wie T-Shirts, Gadgets,Fotobuch etc.
- Markenprodukte wie Nike-Sportschuh oder Sonderanpassungen
- Food-Produkte wie MyMüsli ,Schoki oder M&Ms
verknüpft via: Social Media, Online
Nach Feierabend fährt er nach Hause und hat ärgerlicherweise eine Panne. Da die Auto-Elektronik dies sofort erkennt, wirft sein Radio automatisch den gesponserten Hinweis auf eine 24-Stunden-Nothilfe aus, die er unmittelbar bestellt - ein Geste vor dem Display reicht aus, das Geo-Targeting führt die Pannenhelfer zu seinem Standort, die Fehleranalyse hat der Bordcomputer mit übertragen.
Eingesetzte Technik: vernetzte Auto-Apps
Vorform heute im Einsatz: Die technischen Komponenten existieren bereits: Bordcomputer und Appstores. Sie müssen nur noch zusammengeführt werden
einsatzbereit ab: ca. 2014
verknüpft via: Internet, GPS
Nachdem das Auto wieder instand gesetzt ist, kommt Philip K. zu Hause an - auf dem Weg zur Haustür läuft er an einer Litfaßsäule vorbei, die eine individuelle Anzeige für ein Fitnessstudio ausspielt: Philip K. hat noch die Zeitung vom Morgen in der Tasche: Ein Chip darin ist mit der Anzeige gekoppelt und ein Nutzerdatenbank-Abgleich findet statt: So weiß die digitale Litfaßsäule, dass Philip K. bei einer Umfrage auf dem Internetportal der Zeitung teilgenommen hat und als guten Vorsatz mehr sportliche Betätigung angegeben hat.
Eingesetzte Technik: Drahtlose Funknetze mit druckbaren Chips
Vorform heute im Einsatz: Druckbare RFID-Chips existieren bereits, sind für eine oben beschriebene Anwendung jedoch noch zu teuer. Entsprechende Forschungsprojekte zur Reduzierung der Kosten und den Einsatz im Massenmarkt laufen
einsatzbereit ab: ca. 2013
verknüpft via: RFID - auch NFC-basierte Technologien sind denkbar
Abends im digitalen Fernsehprogramm sieht Philip K. nur äußerst kurze Werbeeinblendungen, die langen Werbeblöcke, an die er sich noch aus seiner Jugend erinnert, sind passé, denn die TV-Spots sind getargeted. So erreicht die Werbung nur die dafür aufgeschlossenen Nutzer, die breite Ansprache nach dem Prinzip der größtmöglichen Reichweite ist verschwunden. Philip K. hat sich, wie viele Nutzer, freiwillig bei einem Marktforschungs-Panel eintragen lassen, sodass er als Junggeselle keine Werbung für Damenbinden oder Windeln erhält.
Eingesetzte Technik: Getargetes Rundfunk-Advertising
Vorform heute im Einsatz: IPTV
einsatzbereit ab: technisch bereits machbar und in den USA bereits in der Praxis angekommen. Der Erfolg in Deutschland hängt von der Verbreitung der Technologie ab - deswegen erst ab 2015 mit steigender Relevanz
verknüpft via: Internet
Credits und Relevanz als Lohn: Der Nutzer als bezahlte Werbefläche
Unter dem Vorzeichen von Datenschutz und Erfassbarkeit des Nutzers mag dieses Zukunftsszenario für manch Politiker albtraumhafte Züge tragen. Experten wie etwa der Marketing- und Ökonomie-Consultant Oliver T. Hellriegel , Lehrbeauftragter an der Hochschule Fresenius und Dozent an der Hochschule für Oekonomie & Management gehen jedoch davon aus, dass der technische Fortschritt im Marketing weiterhin schneller sein wird als die Politik. Er ist davon überzeugt, dass sich die Entwicklung selbst regulieren wird: "Es ist im Sinn der Konsumenten, relevante Anzeigen und Spots zu erhalten. Das wird für ihn beispielsweise statt fünf Minuten Werbezeit im TV nur noch zwei Minuten Werbezeit bedeuten - diese werden dann aber getargeted und nutzerrelevant sein."
##bild22##Ralph Sonntag von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden glaubt sogar, dass Nutzer künftig Vergütungen erwarten können, wenn sie bereit sind, sich Werbung anzusehen, die sie eigentlich blocken könnten - das muss nicht zwingend ein geldwerter Vorteil sein, sondern es können emotionale Mehrwerte sein, informative Mehrwerte oder Reputation: "Der Nutzer wird künftig einen Mehrwert von Werbung erwarten. Denn er wird selbst zum Botschafter von Marken und Werbung und möchte entsprechend seiner Rolle wahrgenommen und behandelt werden." Eine Vergütung dafür könne auch die Bereitstellung relevanten Contents sein - wie das Entertainment des Autofahrers im Stau mittels des Gewinnspieles im Gewand eines Werbespots.
Die Neusortierung der alten Werbe-Werkzeuge
Für die aktuellen Werkzeuge im Marketingmix bedeuten diese Entwicklungen einige Veränderungen. Zahlreiche Instrumente verlieren an Bedeutung, andere erfahren eine überraschende Aufwertung. Manche Instrumente verschwinden weiter unten im Kasten, andere werden entstaubt und um neue Funktionen erweitert.| Werkzeug | Künftige Bedeutung | Trendindikatoren | |
|---|---|---|---|
| SEO |
| SEO ist bereits voll in die Marketingstrategien implementiert, es gibt keine Innovationen und Steigerungspotenziale mehr. Längerfristig wird die Bedeutung allmählich sinken, weil der Nutzer seinen Content im sozialen Newsroom generiert; Dank Semantik finden relevante Inhalte immer mehr den Nutzer statt umgekehrt. Detaillierte Informationen liefert die iBusiness-Analyse SEO-Trends 2016 | |
| SEA |
| Abnahme von Suche = abnehmende Relevanz von Keywords. Der Mechanismus dreht sich um: Die Botschaft findet den Nutzer. Es wird nach wie vor SEA und Keyword-bezogene Ads geben. Doch SEA wandelt sich weiter weg vom Profitcenter und dient mehr dem Aufbau von Awareness. Vgl. auch die Analyse SEMilchmädchen | |
| SMM |
| Google Plus ist nur der nächste Indikator für die Verquickung von Suche und Social. "Gerade für kleine und mittlere Unternehmen liegt hier Potenzial", glaubt Ralph Sonntag. | |
| Display: | |||
| Klassisches, ungetargetes Display |
| Als Gießkannen-Instrument veraltet und zu unpräzise: Reichweite als alleiniges Kriterium verliert wegen der Aufmerksamkeitsökonomie des Nutzers an Bedeutung. | |
| Retargeting |
| Wird zugunsten des Real Time Biddings an Bedeutung verlieren. | |
| Real Time Bidding |
| Das große Problem des RTB bleibt der Datenschutz. Doch es bleibt das passende Instrument zum Megatrend Granularisierung. | |
|
| Keine Innovationsbereitschaft bei Verlagen, fallende Auflagen, der allgemeine Trend geht weg vom aktuellen Medium hin zum vertiefenden Wochenblatt/Lokalmagazin/Special Interest. Die Reichweiten werden so kleiner, die Zielgruppen aber immerhin geringfügig präziser erreicht. | ||
| TV |
| Kaum neue Formate, Innovationen werden unzureichend eingesetzt: Die Einschaltquote wird verschwinden und dem granular getargeten Spot Platz machen. Real Time und Bidding-Mechanismen halten Einzug. Kürzere Spots, kleinere Reichweiten pro Spot, statt längerer Vorlaufzeiten werden Spots in kürzester Zeit nutzerbezogen gebucht und ausgestrahlt. | |
| Radio |
| Durch das Digitale Radio gewinnen Individualisierung und Interaktion an Bedeutung - als weitere Stärken kommen die regionale/lokale Ausrichtung vieler Sender hinzu, sowie die granulare Programmstruktur (aus kurzen Songs, Moderationen und Beiträgen). | |
| Mobile |
| Konkurrenzlos nutzeradäquate Ansprache ist möglich (Geo-Targeting). Gut geeignet für die Distribution nutzer- und standortbezogener Couponing-Angebote (siehe auch iBusiness-Analyse Die zehn Couponing-Trends der Zukunft. | |
| Outdoor (Plakat, Digital Signage) |
| Durch Innovationen kommt es zur Steigerung der Aufmerksamkeitsrate, technische Innovation macht künftig auch hier Targeting und Profiling möglich. | |
| Augmented Reality |
| Steigende Relevanz von Mobile; gut koppelbar mit Instrumenten wie Coupons oder dem Kanal Social Media |
Die neuen Werkzeuge im Kasten
Der Werbewerkzeugkasten erhält aber auch Neuzugänge, die bisher noch gar nicht zum klassischen Arsenal eines Marketeers der frühen 10er Jahre des 21. Jahrhunderts gehören. Das sind etwa- Holistische, dreidimensionale Währungen
Klassische Metriken wie Klick oder Verweildauer messen meist nur die Häufigkeit und/oder Dauer der Nutzung eines Angebotes. Neben der Zeitachse und der Masse an Nutzern erfassen dreidimensionale Metriken die soziale Interaktivität eines Nutzers oder sein Involvement - also seine Bereitschaft, produktiv, kommentierend oder empfehlend im Web zu agieren.
Daraus ergibt sich ein weiteres, integrales Werkzeug, das sich die Branche aus bestehendem Material basteln muss.
- Kombinierte Lösungen für Webanalytics und Webwährungen
Damit werden sich die beiden Facetten der Online-Marktforschung, die Reichweitenmessung externer Systeme und die interne Webanalyse, in Zukunft immer stärker miteinander vernetzen und letztlich ununterscheidbar werden. Aus der dritten Dimension der Reichweitenmessung lassen sich auch intern viele Anhaltspunkte für die Optimierung der Seiten gewinnen.
Zeitgleich unterstützt die qualitative Dimension der gleichen Währung bei der Offpage-Optimierung. Sie gibt Auskunft darüber, wo im Web ich weitere Interessengebiete meines Nutzers lokalisieren kann, wo ich ihn abholen oder über soziale Kontakte erreichen kann. Ist er sozial aktiv, werde ich mein Offpage-Augenmerk sozialen Netzwerken zuwenden, während ich als Onpage-Maßnahme Kanäle einbaue, über die er beispielsweise andere Nutzer ansprechen, Empfehlungen aussprechen oder seinen Status melden kann. Die neuen Währungen machen Online-Marktforschung - extern wie intern - zur einheitlichen und ganzheitlichen Aufgabe, liefern zudem die benötigten Anhaltspunkte für meine Maßnahmen.
- Belohnungssysteme
Der Nutzer als Werbefläche verlangt etwas für seine Aufmerksamkeit - solange nicht die Botschaft an sich einen Wert hat (durch wichtige Information, wie die Vermittlung einer Pannenhilfe oder durch Entertainment). Werbeinstrumente müssen mit entsprechenden Lösungen zur Nutzer-Belohnung vernetzt werden. So kann der durch Banner angesprochene oder einen Link weiterreichende Nutzer direkt den Lohn seiner Aufmerksamkeit erhalten.
- Active Profiling
Belohnungen werden nicht nur im Austausch gegen Aufmerksamkeit bezahlt werden. Sondern auch im Austausch gegen Daten. Zwar erhält der Nutzer schon heute Gegenleistungen (wie gratis EMail-Konten oder soziales Netzwerken) für die Plünderung seiner bewusst oder unwissentlich preisgegebenen Informationen. Doch weder hat er einen Begriff vom Umfang der Durchleuchtung, der er im Stillen ausgesetzt ist. Noch hat er die Wahl, dem Anbieter Geld im Tausch gegen die Wahrung seiner Privatsphäre zu bezahlen.
Statt die Nutzerdaten unter dem Radar einzusammeln, wird Active Profiling in der Form einer klar definierten Geschäftsbeziehung ablaufen. Für alle einverständlich erteilten Angaben kann der Nutzer Belohnungen erwarten (Credits, Coupons, exklusive Nutzungsrechte für Content und so fort).
- Social CRM
CRM-Systeme werden einen grundlegenden Wandel durchmachen. Denn um die 1:1-Kommunikation mit Kunden erfassen und steuern zu können, müssen Unternehmen ihre bisherigen CRM-Konzepte auf den Kopf stellen.
Dabei reicht es nicht aus, bestehende CRM-Konzepte in Richtung Social weiterzudrehen. Es müssen neue her, denn zu komplex und grundlegend sind die Veränderungen im Unternehmen: Vor der Einführung der Technik müssen eine Social-CRM-Strategie erarbeitet, Richtlinien und Prozesse etabliert und die Mitarbeiter geschult werden. Nötig sind CRM-Systeme, die soziale Prozesse sowohl außer- als auch innerhalb des Unternehmens dokumentieren. Die Aufgabe für die IT ist dabei, Mitarbeiter abteilungsübergreifend beispielsweise durch ein intelligentes Reportingsystem zu unterstützen: Welcher Kunde hat sich im Callcenter beschwert? Was ist daraus bei Twitter resultiert? Wie kann ich diesen Kunden wieder ins Callcenter zurückholen?
Technisch gesehen ist die Verknüpfung von CRM und Social Media ein lösbares Problem, beispielsweise mittels Open-Source-Systemen. Die Hürden auf dem Weg zum Social CRM sind vielmehr menschliche und organisatorische Variablen. Die einzelnen Abteilungen hocken noch auf ihren Daten, Austausch und Rückmeldungen an andere Abteilungen zum Kommunikationsstatus mit dem Kunden finden bislang kaum statt.
Ausblick: Der Weg in die Zukunft führt zurück zu Basistugenden des Marketings
Die Zukunft des Werbemixes wird sich in den innovativen Instrumenten vorwärts entwickeln, in seinem Kern kommt der allgemeine Trend jedoch einer Rückbesinnung gleich. "Es geht um Werkzeuge, um mit unseren Konsumenten in Dialog treten zu können. Dialog ist nichts Neues - eigentlich ein altes Instrument - aber seine Klaviatur wurde zwischenzeitlich nahezu vergessen.", glaubt etwa Oliver Hellriegel.Mehrwert über Content, Relevanz über Individualität sind die Megatrends. Hier wird ein Verfahren wie Mass Customization interessant. Das Verfahren, bei dem sich einzigartige Produkte, Unikate, am Fließband herstellen lassen, ist nicht losgelöst vom Marketing, vom Kundendialog zu sehen: Es ist ein Produktionsverfahren, bei dem der Nutzer aktiv und früh in den Kreationsprozess eingreift - es ist Produktion + Social-Media-Marketing in einem.
Das individuelle Produkt wird selbst zu einem Stück Kundenkommunikation, zur Botschaft. Ähnliches gilt dort, wo die Werbebotschaft unauffällig in einen vom Nutzer gerne und bereitwillig genutzten Kanal eingebaut wird. In diesem Zusammenhang lohnt sich eine Betrachtung, welche Rolle Branded Entertainment im Marketingmix einer Marke spielen kann. Denn Branded Entertainment implementiert die Werbebotschaft für den Nutzer attraktiv in das Medium selbst, der Kanal wird Botschaft (unterhaltsames Video, Spiel).
Der Trend zur Verhandlung granularer Ad Impressions zeigt sich in der steigenden Bedeutung des Real Time Biddings, des schnellst- und kleinstmöglichen Buchens und Auslieferns präzise getargeter Werbemittel.
Googles soziales Netz war gerade zwei Wochen online, da kündigte Google sein Vorhaben an, einen umfassenden Nutzerdaten-Marktplatz zu eröffnen, wie Ad Age berichtete. Diese Nachricht ist ein weiterer Indikator: Die Reise geht Richtung sozialer Relevanz und gezielter Influencer-Ansprache. Diesem Zweck müssen künftig die Werbewerkzeuge dienen, sonst dürfen sie aus dem Werkzeugkasten fliegen.
