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Welche Start-up-Strategien Deutschlands Konzerne verfolgen

12.08.2014 DAX-Konzerne fischen mehr denn je nach Start-ups. Denn der Innovationsdruck wächst. iBusiness hat die fünf innovativsten deutschen Großunternehmen ermittelt. Und herausgefunden, wessen Strategie am erfolgversprechendsten ist und wohin das meiste Geld fließt.

 (Bild: Carsten Frenzl/Flickr)
Bild: Carsten Frenzl/Flickr
Bild: Carsten Frenzl/Flickr unter Creative Commons Lizenz by
Unter anderem die Commerzbank steckt 2014 erstmals etliche Million Euro in Start-ups (Bild:  Carsten Frenzl/Flickr)
Bild: Carsten Frenzl/Flickr
Bild:  Carsten Frenzl/Flickr unter Creative Commons Lizenz by
Unter anderem die Commerzbank steckt 2014 erstmals etliche Million Euro in Start-ups

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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
TL;DR
Passende Konzerne für das eigene Geschäftsmodell evaluieren
Die Deutsche Post DHL, die Telekom, SAP, Bayer und die Lufthansa haben unter allen DAX-Konzernen das höchste Disruptionspotenzial und das höchste Involvement in neue und innovative Geschäftsmodelle. Das geht aus der aktuellen iBusiness-Analyse der Start-up-Aktivitäten deutscher Großkonzerne hervor.

Immer mehr DAX-Unternehmen investieren Wagniskapital, beteiligen sich an Gründerfonds oder unterstützen Jungunternehmen durch Inkubatoren oder Acceleratoren. Das beschränkt sich längst nicht mehr auf die webaffinen IT-Unternehmen. Sondern auch immer mehr DAX-Unternehmen aus klassischen Branchen profitieren von den Innovationen der Start-up-Branche. Das sind gute Nachrichten für Internet-Gründer: Denn sie werden zu einem immer wichtigeren Faktor für den fortbestehenden Erfolg der deutschen Industrie. Folglich steigen ihre Chancen, lukrative Investoren zu finden.

Beispielhaft für IT-ferne VC-Neulinge im DAX sind Lufthansa und Commerzbank: Die Lufthansa   ist ein Neuling in der Start-up-Branche. Einer, den man sich für die Zukunft merken sollte. Ende Juli kündigte der Konzern an, noch bis Ende 2014 einen Innovations-Hub gründen zu wollen. Und die Hamburger sind nicht knausrig: Bis 2020 wollen sie gruppenweit insgesamt 500 Millionen Euro dort hineinstecken, berichtet Deutsche-Startups  . Das war noch nicht alles: Außerdem wollen sie einen Innovationsfonds starten, dessen Höhe noch unbekannt ist.

Ähnlich aktiv ist ein weiterer VC-Neuling: Die Commerzbank   gründete nicht nur im Frühjahr 2014 den Main Inkubator  , sondern will außerdem in Kürze eine Risikokapitalgesellschaft aufbauen.

Im wirtschaftlichen Aufschwung investieren Konzerne vermehrt in Start-ups

Glaub man der Boston Consulting Group (BCG)  , ist es kein Wunder, dass Großkonzerne zurzeit verstärkt in Start-ups investieren: In wirtschaftlichen Boom-Zeiten investieren große Unternehmen viel in junge Unternehmen; in Zeiten der Rezession dagegen fahren sie die Aktivitäten zurück, heißt es im Report Corporate Venture Capital: Avoid the Risk, Miss the Rewards  . Weltweit habe es seit 1960 drei Boom- und Rezessions-Zyklen mit entsprechend hohen beziehungsweise niedrigen Investitionen in Wagniskapital gegeben. Aber der momentane Aufwärtstrend sei anders als die bisherigen, sagen die BCG-Analysten. Laut ihnen ist der Corporate-Venture-Capital-Markt reifer und stabiler; eine baldige Abschwächung sei daher nicht zu erwarten. Sie nennen drei Gründe:
  1. Neue Industrien, die bisher zurückhaltend waren, steigen heute in die Start-up-Finanzierung ein.
  2. Die Lebensdauer der unternehmensinternen VC-Units steigt: In der Pharmaindustrie beispielsweise um 50 Prozent seit 2002; in der Konsumgüterindustrie habe sie sich seither mehr als verdreifacht.
  3. Große Investitionen in Wagniskapital werden nicht mehr nur in den USA und Europa getätigt, sondern vermehrt auch in schnell wachsenden, aufstrebenden Märkten.
  4. Klassische Konzerne stehen durch neue Technologien und sich immer schneller entwickelnde Märkte zunehmend unter Druck. Sie brauchen innovative Antworten in den Bereichen grüne Technologien, Nachhaltigkeit und Nutzererlebnis.

Die meisten Konzerne investieren in der eigenen Branche


Da sich der globale Venture-Capital-Markt entwickelt und professionalisiert, stehen die deutschen DAX-Konzerne massiv unter Zugzwang, um im internationalen Vergleich nicht den Anschluss zu verlieren. Immerhin 19 der 30 am Deutschen Aktienindex gelisteten Unternehmen unterstützen Start-ups mit Geld oder Knowhow. Es zeigt sich: Die meisten Investitionen tätigen die Konzerne in ihrer eigenen Branche, sie sollen das eigene Geschäft vorantreiben und modernisieren oder neue Betätigungsfelder nahe des eigenen Geschäftsmodells erschließen.

(Grafik: HighText Verlag)
Die Grafik zeigt, wo sich die deutschen DAX-Konzerne in der Matrix zwischen Disruptionspotenzial (je branchenferner, desto höher) und Involvement (je mehr Beteiligungen insgesamt und je mehr in Form von Inkubator und Accelarator, desto höher). Es zeigt sich: Besonders innovativ bei ihren Start-up-Investitionen sind die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, SAP, Bayer und (demnächst) die Lufthansa. Der High-Tech Gründerfonds II   ist neben anderen Aktivitäten ein wichtiges Investitionsfeld für die DAX-Konzerne, auch wenn er eher unternehmensfern ist als ein eigener VC-Zweig.

Etwa BASF   sucht "viel versprechende, innovative, auf Chemie basierende Technologien sowie neue Materialien und Werkstoffe mit aussichtsreichen Marktchancen". Weiter heißt es bei der eigenen Wagniskapitalgesellschaft BASF Venture Capital  : "Die strategischen und operativen Interessen der BASF Gruppe mit innovativen Technologien junger Unternehmen zu verbinden, ist das Idealziel unserer Investments."

Auch wenn die DAX-Konzerne bei ihren Beteiligungen dem eigenen Geschäftsmodell treu bleiben, gehen die Investitionen oftmals trotzdem in die Internetbranche. Denn das eine schließt das andere nicht aus. Zum Beispiel Daimler   fokussiert sich auf die Mobilitätsbranche und stieg daher unter anderem beim Same-Day-Delivery-Anbieter Tiramizoo  , bei der Mitfahrzentrale Carpooling  , beim Taxivermittler Mytaxi  , beim Fernbusanbieter Flixbus   und dem Uber-Konkurrenten Blacklane   ein.

BMW investierte mit BMW i Ventures   unter anderem in die App ChargePoint  , die Autofahrern die nächste E-Tankstelle zeigt, in Parkatmyhouse.com  , ein Marktplatz für Parkplätze, und in Mycityway Now  , eine App, die für mehr als 70 Städte regionale Infos wie Verkehrsaufkommen, Notfallapotheken, Restaurants oder den nächsten Geldautomaten anzeigt.

(Grafik: HighText Verlag) Quelle: www.ibusiness.de
Die Grafik zeigt, in welche Branchen die DAX-Konzerne mit ihren Start-up-Beteiligungen investieren. Vor allem die Unternehmen aus den Bereichen Chemie/Biotech/Pharma sowie Versicherungen/Finanzen beteiligen sich ausschließlich in ihrer eigenen Branche. Branchenübergreifend investieren dagegen Telekom und SAP (IT/Data/Telekommunikation) sowie Siemens und die Post (Industrie/Elektronik/Logistik), die selbst ebenfalls in mehreren Branchen parallel ansässig sind.

Vor allem die Branchen "Mobilität/Infrastruktur", "Chemie/Biotech/Pharma" und "Versicherungen/Finanzen" bleiben ihrer eigenen Branche treu und investieren kaum außerhalb. Wesentlich umtriebiger sind dagegen Technologiekonzerne; und daher für Internet-Start-ups besonders interessant:
  • Der Softwarehersteller SAP   ist mit seinem Wagniskapitalisten SAP Ventures   einer der wichtigsten deutschen Kapitalgeber. In den SAP Ventures Fund II steckte das Unternehmen erst Ende 2013 ganze 650 Millionen Dollar. Der zweite Fonds, der SAP HANA Real-Time-Fund umfasst weitere 405 Millionen Dollar. Bisher gehen aus dem Unternehmen etliche sehr erfolgreiche Start-ups wie Linkedin  , Exact Target  , Criteo  , OpenX   und Box   hervor. Allein im vergangenen Jahr gingen zwölf SAP-geförderte Jungunternehmen an die Börse oder wurden verkauft.

  • Die Deutsche Telekom    unterstützt mit ihrem Inkubator Hubraum   und mit T-Venture   vor allem Gründungen aus den drei Branchen Telekommunikation, IT, Medien.

  • Der Multitechnologiekonzern Siemens    ist mit seinen Start-up-Beteiligungen ähnlich breit aufgestellt wie es die eigenen Geschäftsfelder sind. Die Tochter Siemens Venture Capital    konzentriert sich auf junge Unternehmen aus Energie, Industrie, Gesundheit, Infrastruktur und andere. Über verschiedene Fonds hat sie in mehr als 170 Unternehmen und 40 Venture-Capital-Fonds investiert.

  • Dass die Deutsche Post   weit mehr als ein Briefversender ist, zeigt sich an ihren Investitionen. Sie ist vermutlich das Unternehmen, das sich dadurch in den vergangenen Jahren am meisten gewandelt hat. Über Start-up-Beteiligungen oder Zukäufe ist sie unter anderem in E-Commerce, Big Data und Onlinemarketing tätig. Über die Tochter Nugg.ad    betreibt sie einen Inkubator für Data-Start-ups (siehe iBusiness: Strategieanalyse Deutsche Post DHL: Konkurrenz für die Interaktiven).

Der Exit ist nur bei drei Konzernen das Ziel

Unternehmen aus den Branchen Medien, Publishing, Technologie und Telekommunikation stellen sich mit ihren Beteiligungen am breitesten auf.
Unternehmen aus den Branchen Medien, Publishing, Technologie und Telekommunikation stellen sich mit ihren Beteiligungen am breitesten auf. (Grafik: Boston Consulting group) Quelle: http://www.bcg.de/documents/file163855.pdf
Boston Consulting Group bestätigt diese Tendenz in einer Studie  : Unternehmen aus den Branchen Medien, Publishing - beide sind nicht im DAX vertreten - Technologie und Telekommunikation stellen sich mit ihren Beteiligungen am breitesten auf.

Kein Wunder, dass aus diesen Bereichen die einzigen drei DAX-Konzerne stammen, die sich für ihre Start-ups den Exit als Ziel setzen: Die Multitechnologiekonzerne SAP, die Deutsche Telekom und Siemens. Sie gleichen damit eher einem unabhängigen Wagniskapitalisten. Die Investitionen sind eine risikoreiche, aber unter Umständen lukrative Geldanlage und dienen weniger dem Aufpolieren des eigenen Geschäftsmodells. Sie haben gesehen, dass man mit Start-ups gutes Geld verdienen kann. Wenn sie damit weiter erfolgreich sind, liegt es nahe, dass weitere DAX-Konzerne auf den Zug aufspringen.

Frühphasen-Investitionen werden wichtiger

Im Allgemeinen steht aber Innovationsnachschub bei den DAX-Konzernen ganz oben auf der Agenda. "Gerade das frühzeitige Interesse der Industrie an jungen Technologiefirmen gewinnt immer mehr an Bedeutung" hat Michael Brandkamp beobachtet, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds (HTGF)  , der Risikokapital in junge, chancenreiche Technologie-Unternehmen investiert. Der Gründerfonds zeigt im Allgemeinen, dass es für Konzerne immer wichtiger wird, Kooperationen mit Frühphasen-Start-ups einzugehen. Während sich 2006 nur sechs Unternehmen an den HTGF beteiligten, sind es bei den HTGF, der 2012 startete, bereits rund 20 Konzerne. Darunter sind acht DAX-Konzerne.

"Vielen Industrieunternehmen ist klar, dass sie Nachschub an Innovationen brauchen, um langfristig erfolgreich zu sein." Dabei schauen Konzerne zunehmend auf junge Hightech-Unternehmen, sagt er. Ihnen seien die Vorteile der Start-ups gegenüber Großen bewusst: "Die Kleinen sind schneller, flexibler und eher bereit, wirklich neue Wege zu gehen. Daher ist es kein Wunder, dass die Internetwirtschaft wesentlich von Start-ups vorangetrieben wird."

DAX-Konzerne unter Zugzwang

Elf der DAX-Konzerne halten sich aus Venture-Capital-Investitionen bisher noch weitgehend zurück. Sie kommen vorwiegend aus den Branchen Konsumgüter, Chemie, Bau, Versicherung, aber auch Technologie. Versicherer Continental und Chiphersteller Infineon haben sich sogar aus ihren Beteiligungen zurückgezogen.

Diese Unternehmen werden es sich auf Dauer nicht leisten können, den Start-up-Markt zu vernachlässigen und vermutlich werden einige mit neuen Investitionen nachziehen. Die letzten Monate haben gezeigt, wie dynamisch der Markt ist. Mit Lufthansa und der Commerzbank sind zwei DAX-Konzerne frisch in den Markt eingestiegen. Weitere Konzerne, darunter Merck und SAP, weiten ihre Investitionen aus. Während die Konzerne unter Innovationszugzwang stehen, freuen sich die jungen Digitalunternehmen. Denn ihre Basis an möglichen Investoren und Unterstützern wächst und wächst. In Zukunft werden sie sich immer häufiger aussuchen können, in welche Richtung sie gehen wollen: in den Exit oder unter das Dach eines großen Konzerns. Und die Chance auf höher dotierte Investments oder Exits steigt.

Aus den jüngsten Entwicklungen ergeben sich folgende Szenarien zur Zukunft der deutschen Start-up-Branche:

Vier Szenarien zur deutschen Start-up-Branche

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
40%
Best-Case-Szenario

Start-ups gehören in jedes Firmenportfolio

Immer mehr Unternehmen aus allen Branchen setzen auf die Innovationskraft von Start-ups - vom großen Konzern bis zum Mittelständler. Alle modernisieren damit das eigene Portfolio, getrieben von der globalen Konkurrenz, die ebenfalls freudig investiert. Immer mehr nutzen die Start-ups außerdem als Risikokapitalanlage und setzen auf Exit. Die Start-up-Beteiligungen überstehen auch die kommenden Schwankungen in der Wirtschaft, denn sie sind zum festen Teil der Unternehmensstrategien geworden.

Aktiv
5%
Worst-Case-Szenario

Start-up-Markt kollabiert

Die nächste Wirtschaftskrise macht der Start-up-Branche einen Strich durch die Rechnung. Die Konzerne müssen sparen und fahren daher ihr Corporate Venture Capital zurück. Auch an Gemeinschaftsfonds beteiligen sich weniger Unternehmen und sogar die Investoren werden sparsamer. Der deutsche Start-up-Markt entwickelt sich zurück.

Passiv
35 %
Best-Case-Szenario

Tech-Konzerne bleiben Vorreiter

Es ändert sich nicht viel. Der ein oder andere Konzern investiert hier und da mehr in Start-ups als heute. Aber einige, vor allem die Unternehmen aus klassischen Branchen, setzen weiterhin auf eigene Forschung und Entwicklung. Konzerne aus den bisher bereits umtriebigen Branchen Technologie, Pharma, Telko und Medien bleiben hier weiterhin Vorreiter.

Passiv
20%
Worst-Case-Szenario

Schlechte Erfahrungen bremsen

Die Konzerne werden mit ihren Start-up-Investitionen immer risikofreudiger und fallen infolgedessen öfters mal auf die Nase, wodurch sie zum Teil herbe Verluste einfahren. Frustriert stellen sie ihre Frühphasen-Investitionen ein und investieren nur noch in bereits gereifte Technologien.

Thema: Welche Start-up-Strategien Deutschlands Konzerne verfolgen

Kommentar von Verena Gründel

Mehr Nachhaltigkeit und Vielfalt

Unternehmensinvestitionen können die Start-up-Vielfalt in Deutschland beflügeln.

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Verena Gründel, iBusiness (Privat)
Bild: Privat
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