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Stellenmarkt-Landkarte E-Commerce: Ein Job- und Bildungsdilemma
28.07.2016 Der Einzelhandel befindet sich mitten in einem Transformationsprozess. Für Mitarbeiter im Handel heißt das: Grundlegend neue Jobs, Aufgaben und Knowhow. iBusiness dokumentiert, was auf den Onlinehandel zukommt.
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Im Zuge dessen entwickelt der Onlinehandel einen enormen Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Und dieser Bedarf kann bereits heute kaum gedeckt werden, wie Studien zeigen.
- Der ECommerce-Sektor steht vor der Herausforderung, geeignete Fachkräfte zu rekrutieren, fasste jüngst der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) seine Studienergebnisse zusammen. Demnach haben über 40 Prozent der befragten Onlinehändler aktuell Probleme, geeignete Fachkräfte zu finden oder rechnen in naher Zukunft damit.
- Auch der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel e.V (bevh) kommt in seiner aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass der Fachkräftemangel das Wachstum im Onlinehandel ausbremst. Für 92 Prozent der dort Befragten ist der Mangel an Fach- und Führungspositionen im ECommerce-Sektor bereits Realität.
Stellenmarkt-Landkarte E-Commerce: Diese Positionen werden gesucht
Welche Jobs genau im ECommerce-Bereich zu vergeben beziehungsweise ausgeschrieben sind, hat iBusiness in der Grafik visualisiert. Dazu haben wir verschiedene Stellenangebote von Unternehmen, Agenturen und Jobportalen wie Monster.de , Stepstone und unseren iBusiness-Stellenmarkt durchforstet.
E-Commerce: Stellenanzeigen von Shops und Agenturen
Noch drastischer zeigt sich diese Entwicklung bei Agenturen, die geeignetes Personal für den ECommerce-Bereich suchen. Auch hier haben wir ebenfalls eine Stichprobe von 100 ausgeschriebenen Agentur-Jobs ausgewertet.
Aus- und Weiterbildungsoptionen im E-Commerce
Neben den Handelsunternehmen suchen also auch die Interaktiv-Agenturen kräftig nach geeignetem Personal im ECommerce-Segment. Und auch dort wird händeringend gesucht. Das belegt einmal mehr die Sonderauswertung des Internetagentur-Rankings (Analyse Umsatz, Leute und Visionen: Zahlen aus dem deutschen Agenturmarkt). Die Ergebnisse dort zeigen, dass 60,4 Prozent der Agenturen, die iBusiness im Rahmen einer Sonderauswertung des Internetagentur-Rankings befragt hat, sagten, dass fehlendes Personal aktuell ein Problem für die alltägliche Geschäftsbewältigung der Agentur ist. Das ist mit deutlichem Abstand das am meisten genannte Problem. Die Branche bekommt den anhaltenden Fachkräftemangel also nach wie vor nicht in den Griff. Denn die Mitarbeiterzahl in den Agenturen steigt deutlich langsamer, als es beim Personalbedarf der Fall sein dürfte, um dem Marktwachstum gerecht werden zu können.Hinzu kommt weitere Konkurrenz für Shops und Agenturen, die in deren Geschäftsfeldern wildern und ihnen Projekte und Umsätze streitig machen und gemeinsam mit ihnen um die qualifiziertesten Fachkräfte buhlen. So suchen beispielsweise Unternehmensberatungen und Systemhäuser in diesem Bereich, hinzu kommt der Trend, dass große Unternehmen verstärkt Inhouse-Teams aufbauen. Diese Entwicklungen haben außerdem zur Folge, dass die Gehälter von Fachkräften im Onlinehandel steigen. Laut der Befragung des BEVH müssen bereits Stellen im unteren und mittleren Management ab 40.000 Euro heute mithilfe professioneller Personalberater besetzt werden. Der überwiegende Anteil der Recruiter wird inzwischen schon für Positionen ab einem Jahresgehalt von 60.000 Euro eingeschaltet.
- Industrie- und Handelskammern: Sie sind die berufsständischen Körperschaften des öffentlichen Rechts. Zu ihnen gehören Unternehmen einer Region. Fast alle Gewerbetreibenden und Unternehmen mit wenigen Ausnahmen gehören ihnen per Gesetz an. Unter anderem verantworten sie Aus- und Weiterbildungsberatung, Durchführung von Weiterbildungen und Prüfungen, Entwicklung von Aus- und Weiterbildungskonzepten.
- Private Schulen/ Private Hochschulen
- Universitäten
Wissenschaft und Universitäten sind gefordert
Die Auswertung der einzelnen Jobangebote (Stellenmarkt-Landkarte) zeigt, dass auch die Universitäten und die Politik in die Pflicht genommen werden müssen. So stand zwar 2014 das Wissenschaftsjahr unter dem Motto "Die digitale Gesellschaft ". Aber Selbstreflexion der Hochschulen steht beziehungsweise stand bei der Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung nicht im Fokus . Dennoch wurde vor zwei Jahren viel über Coding und Informatik in der Schule, E-Learning und Massive Open Online Courses diskutiert.Nicht aber über die Inhalte der Lehre. Ohnehin diskutierten die Experten auf der Website Digital-ist.de am meisten über Datenschutz, Sicherheit und eDemocracy. Das Thema "E-Commerce" fand nur in vier Beiträgen Erwähnung. Am deutlichsten forderte Prof. Dr. Tobias Kollmann neue Formen und Inhalte der Ausbildung ein. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen und Vorsitzender des Beirats Junge Digitale Wirtschaft des Bundeswirtschaftsministeriums. Er fasste eine zentrale Forderung des Beirates so zusammen: "Wir brauchen an den Hochschulen mit den Studienfächern Betriebswirtschaftslehre, Informatik oder Wirtschaftsinformatik ein Fach "E-Entrepreneurship", um das Grundwissen für die digitale Wirtschaft fest zu verankern. Nur aus einer entsprechenden Breite können die benötigten Fachkräfte sowie die zukünftigen Gründer wachsen."
Die Universität Duisburg-Essen ist in diesem Sinne ein Vorzeige-Campus. Studierende der Fachrichtungen BWL/VWL, Wirtschaftsinformatik und der Angewandten Informatik. Für die Teilnahme an Lehrveranstaltungen sowohl im Rahmen des Bachelors als auch des Masters gibt es Credit Points, ausgearbeitet sind Bachelor- und Masterprojekte. Eine typische Klausur verlangt beispielsweise eine Machbarkeitsanalyse für einen Zielgruppen-Marketplace:
Aber längst nicht alle Universitäten sind so deutlich auf die digitale Ökonomie ausgerichtet wie der Netcampus der Uni Duisburg-Essen. Auf dem 1. bevh-Fachkräftetag im Juni 2016 bilanzierte Prof. Dr. Christian Brock von der Universität Rostock , dass die Handelsausbildung an den über 106 deutschen Universitäten mit Schwerpunkten im Bereich Handelsmanagement oder Handelsmarketing sowie Digitalisierung sehr rar geworden ist.
Perlentaucherei: Die akademische ECommerce-Ausbildung
Fasst man Universitäten und Hochschulen zusammen, gibt es aktuell in Deutschland über 300 Studienstandorte. Abseits der einschlägig profilierten Institute gleicht die Suche nach akademischer Ausbildung im E-Commerce der Perlentaucherei. Es ist ein kleiner Kreis von Hochschulen mit ECommerce-orientierter Wissensvermittlung.Das Studium an Universitäten ist obendrein stark von Pflicht- und Wahlpflichtveranstaltungen mit Leistungspunkten geprägt, sodass an vielen dieser Hochschulen eine wirklich tiefgehende Qualifikation mit EBusiness-Schwerpunkt nicht möglich ist - und der Praxisbezug oft zu kurz kommt. Die Zeppelin-Universität, an der Brock vor seinem Wechsel nach Rostock tätig war, bietet deswegen einen berufsbegleitenden Master-Studiengang an. Der Executive Master of Retailing zielt auf angehende Führungskräfte im Handel. Doch auch dieser Studiengang hat nur in einem von 12 Modulen Platz für 'Onlinehandel und Multi-Channel'.
Renommierte Unternehmen wie etwa die Otto Group haben schon vor Jahren den wachsenden Bedarf an hochqualifizierten Absolventen für Führungspositionen im E-Commerce erkannt. Der Distanzhändler stiftete früh einen Lehrstuhl für E-Commerce an der nahe gelegenen Fachhochschule Wedel. Dort können sich Studenten entscheiden, entweder ein Informatik- oder ein wirtschaftsorientiertes ECommerce-Studium zu absolvieren. Obwohl also auch in Wedel eine sehr anspruchsvolle Qualifikation im Onlinehandel angeboten wird, ist sie nur schwer mit dem Angebot in Duisburg-Essen vergleichbar. Schon die Teilung in ein eher auf Programmierung oder eher auf Management ausgerichtetes Studium zeigt, dass nicht überall, wo E-Commerce drauf steht, auch das gleiche Menü geboten wird.
Für Onlinehändler, die gezielt Nachwuchs rekrutieren oder (was im dualen Studium möglich ist) ihre Potentials gezielt qualifizieren wollen, ist es daher nicht einfach, den richtigen Ort zu wählen. Die Uni Regensburg hat mit dem ibi research Institut einen der profiliertesten Thinktanks in Sachen Digital Commerce aufgebaut. Den ECommerce-Leitfaden kennt in Deutschland jeder, der mit (Online-)Handel zu tun hat. An der Uni Regensburg gibt es einen Masterkurs Digital Commerce and Finance . Bachelor- und Masterarbeiten orientieren sich dabei eng an den Schwerpunkten des ibi - also besonders an Finanzthemen.
Und so setzt sich das fort. An der Hochschule Worms können Informatik-Bachelor einen Master in Mobile Computing anschließen.
B2B-Unternehmen könnten einen Blick auf die Hochschule Hof werfen, wo ein berufsbegleitender Master in Einkauf & Logistik/Supply Chain Management angeboten wird. Darüber hinaus gibt es privatwirtschaftliche Initiativen wie etwa die Leipzig School of Media , die in Kooperation mit Uni und HTWK Leipzig vier Master-Studiengänge u.a. zum Crossmedia-Management anbieten. Und nicht zuletzt bieten Fachinstitute der Hochschulen Fortbildungen an: So etwa den 'Zertifizierten Crosschannel Manager (FH)' des Instituts für Internationales Handels- und Distributionsmanagement an der Hochschule Worms , ausgebildet im Rahmen der Retail Summer School. Oder den 'Zertifizierten E-Commerce Manager', der den Zugang zum Studium des 'Bachelor of Engineering Business und Engineering' an der Steinbeis-Hochschule Berlin eröffnet.
Es wäre also falsch zu sagen, dass es an digitalen Inhalten an deutschen Universitäten und Hochschulen mangelte, oder dass gar keine Wege in den E-Commerce führten. Sie sind nur wenig formalisiert und damit schwer vergleichbar.
Stand der Dinge: ECommerce-Kaufleute
Aus diesem Grund plant der bevh nun auch eine systematische Erfassung der verschiedenen Angebote, samt einer Bewertung der Inhalte nach Praxis-Dimensionen. Daraus soll eine Art Ausbildungs-Atlas entstehen, der sowohl angehenden Studenten die Auswahl der passenden Hochschule als auch Unternehmen die Einschätzung der Abschlüsse erleichtern soll.Für den bevh, der seit 2012 den neuen Ausbildungsberuf der "E-Commerce-Kaufleute" initiiert, vorbereitet und mit ausgearbeitet hat, ist dieser Wegweiser ein weiteres Element der berufspolitischen Agenda des Verbandes. Denn auch im E-Commerce sollte eine vernünftige Fachkräfte-Pyramide bestehen. An der Basis eine große Zahl gut qualifizierter, dual ausgebildeter E-Commerce-Kaufleute. Darüber die ebenfalls von den IHKs geprüften E-Commerce-Fachwirte, die einen dem Bachelor entsprechenden Abschluss vorweisen können. Und darüber dann die Masterabschlüsse.
Eine spezielle, anerkannte Ausbildung, wie etwa 'Kauffrau / Kaufmann im Onlinehandel', existiert zum Ärger des Onlinehandels noch nicht, wird aber vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel e.V (bevh) , dem Deutschen Industrie- und dem Handelskammertag (DIHK) sowie dem Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) aktuell auf den Weg gebracht (ECommerce-Ausbildung: Onlinehändler wird anerkannter Lehrberuf).
Alle Möglichkeiten sind damit noch nicht erschöpft. In Österreich wurde vor wenigen Wochen in den Lehrberuf Einzelhandel ein neuer Schwerpunkt "Digitaler Verkauf" in Form eines Ausbildungsversuchs aufgenommen. Das neue, 16. Wahlpflicht-Modul, soll nach fünf Ausbildungsperioden bewertet werden. Nach 2022 kann man Digitalen Verkauf laut Verordnung also nicht mehr wählen - aber bis dahin dürfte sich die Handelswelt wohl auch wiederum stark gewandelt haben.
Die Inhalte des "Digitalen Verkäufers" zielen vor allem auf den Einsatz von mobilen Endgeräten in Filialen und auf die Verarbeitung von Multichannel-Bestellung am Point of Sale, gerade auch im Hinblick auf Retouren. Eine so detaillierte Beschreibung von Lerninhalten für die digitale Beratung im stationären Einzelhandel findet man in der deutschen Ausbildungsverordnung für Einzelhandelskaufleute nicht. Auch nicht in der gerade zwischen ver.di und Einzelhandelsverband HDE vereinbarten Neufassung, die ab 2017 gilt. Dort ist freilich ein dreimonatiger Wahlpflicht-Baustein "E-Commerce anwenden" vorgesehen.
Um wenigstens ein bisschen E-Commerce kommt niemand im Handel mehr herum.
iBusiness-Autor Martin Groß-Albenhausen ist stellvertretender Hautgeschäftsführer des BEVH.
